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Dieter Roth
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Die Villa an der Abteistraße 57 in einem Hamburger Nobelviertel wirkt eher unscheinbar, gemessen an dem, was sich darin verbirgt, sogar geradezu bescheiden. Umso beeindruckter sind Besucher, dass sie in diesem Haus einen der vielleicht bemerkenswertesten Kunstnachlässe der deutschen Nachkriegsgeschichte erwartet. Das unprätentiöse Privatmuseum beherbergt, verteilt über fünf großflächige Etagen inklusive Archiv, nämlich an die 3.500 Arbeiten – allesamt von einem einzigen Künstler. Aufgetürmt hat sich dieser mächtige Nachlass während der mehr als zweieinhalb Jahrzehnte lang gelebten Freundschaft des Hauseigentümers Phillip Reimar Buse mit seinem Künstlerfreund Dieter Roth. Die operative Führung wurde vom Eigentümer zusammen mit Dieter Roth 1994 in die Dieter Roth Foundation überführt. Mit der klar verbindlichen Vorgabe, den wertvollen Bestand sorgfältig zu bewahren, zu pflegen, Werke auszuleihen, Forschungsarbeiten zu unterstützen und Besuchern die Dauerausstellung durch professionelle Führungen zugänglich zu machen.
Der 1930 in Hannover geborene und 1998 in Basel verstorbene Künstler, dem so viel Ehre zuteilwird, war vielleicht einer der letzten Universalkünstler unserer Zeit, und einer der großen künstlerischen Wegbereiter der Nachkriegszeit. Um seine Vita ranken sich zahllose wilde Geschichten, von denen einige auch direkt mit diesem Privatmuseum und seinem Eigentümer, dem erfolgreichen Wirtschaftsanwalt und langjährigen Freund sowie Mäzen von Dieter Roth, zu tun haben. Die beiden Charaktere hätten unterschiedlicher kaum sein können: der eine Berufskünstler und hochbegabt, Regeln zu brechen; der andere Anwalt und darauf spezialisiert, Regelbrüche zu kitten. Letztere hochentwickelte Kompetenz hätte der Künstler am liebsten exklusiv für sich allein gehabt. Da dies nicht ganz in die Lebensplanung des Anwalts passte, blieb es jedoch beim frommen Wunsch. Als Retourkutsche bekam der Mäzen von seinem Künstlerfreund vier vertraglich festgelegte Verhaltensregeln aufoktroyiert.
„Erstens: Du sollst zukünftig nur noch und ausschließlich Arbeiten von mir erwerben. Zweitens: Das Platzieren und Aufhängen aller gekauften Werke bleiben allein in meiner Zuständigkeit. Drittens: Sämtliche Familienfotos, Kalender und Wandschmuckstücke müssen aus deinen Büros entfernt werden, damit sie mit meinen Kunstwerken nicht konkurrieren. Viertens: Auch die Murano-Vasen, die du seit Studientagen zusammengetragen hast, dürfen nicht mehr frei im Haus herumstehen, sondern müssen hinter große Vorhänge, und die Vorhänge dürfen nur während meiner Abwesenheit geöffnet werden. Punkt.“
Dass der hochveranlagte Künstler auch auf anderen Gebieten gern und unerschrocken neue Wege ging, belegte das von 1992 bis 2004 in der Nähe angesiedelte Schimmelmuseum. Dort entstanden bis zu seinem Ableben eine hausfüllende Anzahl Arbeiten aus allerlei Lebensmitteln, die nach der Fertigstellung immer noch munter Gerüche absonderten und weiterschimmelten. Womit er seiner Idee, dass auch die Kunst vergänglich sei, nachdrücklich Gestalt verlieh. Die Nachbarn wollten die Geruchsbelästigung im Quartier aber nicht länger akzeptieren und legten bei der Stadt Beschwerde ein. Die baufällige Immobilie musste abgerissen werden. Ein Großteil des Werkkomplexes kam in ein nahe gelegenes Lager am Harvestehuder Weg.
Doch zurück an die Abteistraße, wo ein repräsentativer Querschnitt des ganzen Nachlasses zusammen mit ausgesuchten Werken aus dem nun nicht mehr existenten Schimmelmuseum über vier Etagen ausgestellt ist. Unter vielem anderem die große Schokoladenskulptur „Löwenselbst-Turm“ aus dem ehemaligen Schimmelmuseum, dann das raumgreifende, aus allerlei Gerümpel zusammengesetzte Reliefbild „Keller-Duo“ der 1980er und die zerstückelte und dann in Kunsthaut gepresste Männerzeitschrift „M“ als edierte Literaturwurst im oberen Teil der Ausstellung. Und schließlich die frühe kybernetische und konstruktivistische Arbeit aus den späten 1950ern ganz oben im Penthouse. Der allergrößte Teil des Nachlasses schlummert allerdings in Regalen und Schränken im (ebenfalls zugänglichen) Untergeschoss.
Roths multimediales, vielschichtiges Lebenswerk voller Erfindungen wurde über die Jahrzehnte zu einer fast unversiegbaren Inspirationsquelle für zahllose Kunstschaffende auf der ganzen Welt. Was Kenner nicht groß wundern dürfte: Roth gehörte zu den Vorreitern, für die die Zeit aufgrund der gewaltig anschwellenden medialen Bilderflut reif geworden war, die Unantastbarkeit des Tafelbildes zu relativieren. Er setzte anstelle des fertigen Kunstwerks das Ausprobieren, den langwierigen Prozess ins Zentrum seines Schaffens. Als einer der Ersten eliminierte er auch die schwer überbrückbare Barriere zwischen ausgestelltem Werk und Ausstellungsbesucher, zwischen Kunstwerk und Rezipient. Für ihn durfte die Kunst nicht unnahbar sein. Und schon gar nicht heiliggesprochen werden. Vielmehr erscheint sie in seinen vielfältigen Ausdrucksformen als etwas ganz Selbstverständliches, als etwas wie von dir oder mir. Das ging manchmal soweit, dass er seine Kunden aufforderte, bei seinen Arbeiten mit Hand anzulegen und mitzugestalten. Die radikale Demokratisierung der Kunst und die Emanzipierung des Publikums waren feste Bestandteile seines Programms. Und an vorderster Front kämpfte er auch mit jenen, die es wagten, dem Bewertungszirkus der Kunstindustrie den Garaus zu machen, indem er seine eigenen Grafiken und Objekte bewusst mit hohen Auflagen finanziell entwertete.
Unter seiner Regie blieb nichts, wie es war. An seinen Reliefbildern, Skulpturen und Collagen arbeiten bis heute chemische Prozesse mit. Auf seinen Bildträgern vereinen sich Materialien, die nie zuvor in der bildenden Kunst gemeinsam aufgetreten waren. Auch in der Poesie, seiner Lieblingsdisziplin, stemmte er sich gegen sämtliche Regeln der Kunst und Konventionen. Statt Rechtschreibung und Grammatik zu gehorchen, nahm er sich das Recht, einen komplett eigenen Umgang mit der Sprache zu praktizieren.
So entstanden in den über mehrere Länder verteilten Ateliers, in denen er als rastlos Suchender oft Tag und Nacht und sieben Tage die Woche arbeitete, epochale Dinge wie seine aus Zeitschriften oder Büchern, Gewürzen und Gelatine hergestellten Literaturwürste, seine lebensgroßen Hasen aus Hasenkot, seine Selbstporträts aus Schokolade, seine große Videoinstallation, die seine Privatsphäre der Öffentlichkeit preisgab, seine museumsreifen Gartenzwerge, seine über 200 das Medium Buch auf unterschiedlichste Weise hinterfragenden, interpretierenden oder ironisierenden Künstlerbücher. Und so manch anderes noch nie Dagewesenes.
In den 1960ern und 1970ern waren derartige Experimente noch hochriskante Schritte auf unbetretenes, unsicheres Terrain – allesamt begleitet vom stetigen Risiko des Scheiterns. Doch gerade diesem Mut zum Risiko verdankt die Ausstellung und die Sammlung dieses Hauses ihre Einzigartigkeit. Vielleicht geht es dem versteckten Privatmuseum ja wie der Nähmaschine von Man Ray, der diese verpackte, um sie unsichtbar zu machen und die Neugier und Aufmerksamkeit gerade dadurch auf das Objekt zu lenken. Verdienen würde das Privatmuseum diese Nebenwirkung auf jeden Fall.
Aldo Frei
war ein langjähriger Freund von Dieter Roth
und Sammler aller seiner Künstlerbücher
Das Museum ist für Besucher nur auf
Voranmeldung zugänglich (90-min.
Führungen von Mo−Fr 10−16 Uhr).
Dr. Philipp Reimar Buse (* 1939), Dr. der Rechtswissenschaften, Gründer einer Anwaltskanzlei, war fast drei Jahrzehnte eng mit Dieter Roth befreundet. Buse lebt derzeit abwechselnd in Manhattan, Portugal und Südamerika.
Aldo Frei sprach mit dem international tätigen Anwalt, Kunstsammler und Förderer und dem Gründer der Dieter Roth Foundation.
ARTMAPP: Wenn man sich in diesem Privatmuseum umsieht, verfügen Sie über die wahrscheinlich umfangreichste Zusammenstellung von Dieter Roths Werk. Und Sie waren einer seiner großzügigsten Mäzene. Wie kam es dazu?
Philipp Reimar Buse: Seit Anfang der 1970er-Jahre bis zu seinem Tod 1998 war ich mit Dieter Roth befreundet. Als ich Ende 1974 eine Wirtschaftsanwaltskanzlei an der Abteistraße in Hamburg gründete, war Dieter Roth bei der Kunstausstattung und Werkplatzierung mit entscheidungsbefugt. Die Idee war, möglichst viele signifikante Arbeiten seines Werkes zusammenzutragen und diese nach seinen Vorstellungen auszustellen. Mein Prinzip war, ausschließlich gemeinsam ausgewählte Arbeiten von ihm zu kaufen. Und dank seiner internationalen Kontakte zu Eigentümern früher Arbeiten ließ sich der Bestand mit Drittkäufen systematisch vergrößern.
ARTMAPP: Trotz der umfangreichen Sammlung sind Sie alles andere als der raffgierige Sammler. Warum aber haben Sie immer und ausschließlich nur Arbeiten von Dieter Roth gekauft?
PRB: Ich bin kein Kunstsammler im herkömmlichen Sinne. Und Dieter Roth war kein kompromissbereiter Mensch. Die von ihm gewollte Alleinstellung seines künstlerischen Werks in unserem Freundschaftsverhältnis wollte ich nie infrage stellen. Das Gemeinschaftsprojekt, die Vielschichtigkeit und vielfältigen Qualitäten seines Werks waren mehr als ausfüllend und Herausforderung genug.
ARTMAPP: Hat Sie nie interessiert, was andere talentierte Künstler machen?
PRB: Kunst hat mich immer interessiert, unter anderem auch als Gegenpol zu meiner beruflichen Tätigkeit. Mit und über Dieter Roth hatte ich immer mit der Kunstwelt zu tun und auch viele andere Künstler und deren Arbeiten kennen- und schätzen gelernt.
ARTMAPP: Für das Kunstsammeln gibt es viele Motive. Sie reichen von der Selbstsucht bis zum Samaritertum. Was war das Motiv für den Aufbau des Museums?
PRB: Meine entschiedene Auseinandersetzung mit Dieter Roths Kunst beruhte ausschließlich auf der herausragenden Qualität seiner Werke, verbunden mit unserer persönlichen Freundschaft.
ARTMAPP: Streiten gehört gewissermaßen zum Anwaltsberuf, und mit Dieter Roth konnte man, wie wir alle wissen, sehr gut streiten. Dass er auch seinen besten Freunden einiges zugemutet hat, ist ein offenes Geheimnis. Womit hat er Sie am meisten strapaziert?
PRB: Ich habe mich sehr selten mit Dieter Roth gestritten und schon gar nie gravierend. Eine Ausnahme waren höchstens meine Einwände gegen von schlechtem Gewissen geplagte Entscheidungen von ihm gegenüber seinem Sohn Björn. Er mochte nicht kritisiert werden. Grundsätzlich haben wir uns immer gegenseitig respektiert und geachtet. Rivalitätsprobleme gab es zwischen uns nie.
ARTMAPP: Viele Objekte in Ihrer Sammlung enthalten Lebensmittel, die sich zersetzen und im Laufe der Zeit verändern, womöglich unangenehme Gerüche absondern oder gar das Risiko einer bakteriellen Übertragung bergen. Wie reagieren die Leute in Ihrem privaten Umfeld auf diese doch sehr unüblichen Eigenschaften Ihrer Kunst?
PRB: Die von Dieter Roth für sein Kunstschaffen verwendeten Materialien waren nie ein Thema. Die wunderbaren Ergebnisse lassen alle kleinlichen Fragen verblassen. Bei mangelnder Einsicht Dritter zieht im Übrigen meist ein Werthinweis.
ARTMAPP: Dieter Roth war der Zeit so weit voraus, dass seine Arbeiten selbst viele der Kunst zugeneigte Menschen überfordern. Selbst leidenschaftliche Sammler wissen oft nicht so recht, was sie von einer Kunst halten sollen, die droht, sich irgendwann in nichts aufzulösen. Wie sehen Sie das?
PRB: Hervorragende Kunst hat einen immateriellen Wert, der durch Endlichkeitsprobleme nicht infrage zu stellen ist. Interessen eines Kunstinvestments spielen für mich keine Rolle.
ARTMAPP: In einer Ihrer Immobilien in Hamburg gab es lange Zeit das legendäre Schimmelmuseum, in dem sich über mehrere Etagen und teilweise etagenübergreifend zahllose Objekte aus Zucker und Schokolade stapelten. Das Museum gibt es nicht mehr – was ist damit passiert?
PRB: Die baufällige Immobilie am Harvestehuder Weg, in der das Museum untergebracht war, fiel irgendwann dem (fälligen) Abbruch zum Opfer. Wir haben die Objekte dann alle rausgenommen, einige in unsere Ausstellung an der Abteistraße integriert und den Rest woanders eingelagert. Die Schimmelkunst gibt es also noch, nur das Museum nicht mehr.
ARTMAPP: Von welcher der vielen Arbeiten in Ihrer Sammlung würden Sie sich am wenigsten gern trennen?
PRB: Ich genieße das Museum mit seinen vielen von Dieter Roth persönlich zusammengestellten Werken an der Abteistraße bei jedem Besuch aufs Neue. Die Frage nach einem Lieblingsbild stellte sich für mich nie. Ich möchte an dieser Stelle nicht verhehlen, dass mir mein privates Leben sehr wichtig ist, und ich öffentliche Zurschaustellung, welcher Art auch immer, vermeide.
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7/2026