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Aktuell stellt Thomas Baumgärtel u. a. aus in der Galerie 30works, Köln, 31.3. – 29.4.2017, und ist beteiligt an der UrbanArt Biennale im Weltkulturerbe Völklinger Hütte, 7.4. – 5.11.2017. Alle abgebildeten Arbeiten © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

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THOMAS BAUMGÄRTEL

 

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Zwischen Medizin-Block und „Äskulap-Banane“

Thomas Baumgärtel

 

im Interview mit bettina wurche

Thomas Baumgärtels Markenzeichen ist die gesprayte Banane – gerade feierte er sein 30-jähriges Jubiläum als Bananensprayer. Weniger bekannt dagegen ist seine enge Verbindung zur Medizin. ARTMAPP-Autorin Bettina Wurche hat den Künstler in seinem Atelier in einer Industriehalle in Köln besucht – außen historischer roter Backstein, innen aktuelle Gemälde und Malutensilien von der Farbtube bis zur Spraydosen-Batterie. Bei Tee aus einer bananengelben Kanne erzählt er über sein Frühwerk, den bisher unbekannten Medizin-Block.

 

ARTMAPP: Herr Baumgärtel, Ihr Frühwerk begann mit einem Block an Arbeiten im medizinisch-psychologischen Themenbereich. Dieser wiederum besteht aus zwei recht unterschiedlichen Serien: den großformatigen, farbig und plastisch ausgearbeiteten „Kunst-Köpfen“ und den kleineren Blättern in Collage-Beiz-Mischtechnik. Wie kam es dazu?

Thomas Baumgärtel: Das hat einen familiären Hintergrund, mein Vater hätte es gern gesehen, wenn ich Medizin studiert hätte. Als Zivildienstleistender im katholischen Krankenhaus in Rheinberg war ich sogar im OP dabei, habe für die Chi­rurgen die Verpackungen aufgerissen und das Röntgengerät bedient, etwa, wenn ein Knochenbruch gerichtet wurde. Ich musste dann schauen, die Strahlenbelastung gering zu halten und das Röntgengerät immer nur genau dann, wenn die Chirurgen es brauchten, anzustellen. Im Krankenhaus sieht man Menschen sterben und hört ihre Schmerzen. Ich musste Amputate in blauen Plastiksäcken aus dem OP tragen und auch mal eine Leiche im Aluminiumsarg in den Kühlraum bringen. Das verursacht schon ein seltsames Gefühl, das schüttelt man nicht einfach so ab … Ein Erlebnis aus dieser Zeit ist mir besonders nahegegangen: Wir hatten eine Schwester Oberin, eine sehr engagierte OP-Schwester. Sie hat ohne Bleischürze gearbeitet, erkrankte schließlich an Leukämie und starb daran. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht. Die Zeit im medizinischen Bereich hat meine spätere künstlerische figürliche Arbeit stark geprägt. Man musste das wollen, das genaue Hinschauen, wo ist Licht, wo ist Schatten? Vor ­allem in den Medizin-Köpfen habe ich Erlebnisse aus dem OP verarbeitet.

ARTMAPP: Wie kamen Sie auf die Idee, PVC als Malmaterial einzusetzen?

TB: Die Köpfe sind ja stark biografisch beeinflusst: Mein Vater hat in einem PVC-Werk gearbeitet. Das flüssige PVC in der ­Fabrik hat mich dann so fasziniert, dass ich mit Weichmachern und Pigmenten experimentierte und den flüssigen Kunststoff dann in meinem ersten großen Projekt vermalt habe. ­Anschließend durfte ich dann in der Fabrik meine erste Ausstellung machen, der Chef meines Vaters hat sogar eines der Bilder gekauft! Heute bin ich froh, dass ich zu der Zeit schon eine Atemmaske getragen habe, die Giftigkeit des Materials wurde damals ja erst so allmählich in der Öffentlichkeit bekannt. Zu meiner Zivildienstzeit fiel bei mir die Entscheidung, statt Medizin freie Kunst zu studieren, und ich habe mich einfach für zwei Studiengänge beworben: Kunst und Psychologie. Und bin für beide angenommen worden. Im Rahmen des Psychologiestudiums konnte ich dann Kunstpsychologie als Schwerpunkt belegen, das passte gut.

ARTMAPP: In dieser Zeit ist dann der zweite Teil des medizinischen Blocks entstanden. Diese ­spätere Reihe „Blätter aus der Psychiatrie“ ist ­vollkommen anders als die „Kunst-Köpfe“ …

TB: … es sind kleinformatige Blätter in Mischtechnik aus ­Collage, Beize, Tinte und Bleistift auf Papier.

ARTMAPP: Jedes Blatt besteht aus dem gemalten Motiv, einer handschriftlichen Bezeichnung und einem Collageanteil. Die Collagentexte – „zentral dämpfend“ oder „bringt Schlaf löst die Angst“ – ­beschäftigen sich mit der Ruhigstellung und ­Verwahrung der Patienten. Die handschriftlichen Bilduntertitel wiederholen diese Texte – „Früher wurden sie vergast“ oder „Sie hauen uns mit ­Tabletten voll“. Die Menschenfiguren sind entblößt, oft abgemagert, immer reduziert dargestellt. Die Blätter haben außerdem noch den Abriss­streifen, das unterstreicht das Spontane.

TB: Diese Blätter sind in der Zeit eines psychiatrischen Praktikums zu Beginn des Psychologiestudiums entstanden, unter der Einwirkung des Praktikums und vor dem Hintergrund der Vorlesungen. Das ist Kritik an der Reduzierung der Menschen auf ihr physisches oder psychisches Gebrechen – die Patienten sind oft nur noch eine Nummer gewesen. Sie wurden geröntgt und operiert oder mit Tabletten ruhiggestellt. Aber man half ihnen oft nicht wirklich. Ich habe mich danach dann eine Zeit lang auf die Kunsttherapie konzentriert. In der Kunsttherapie geht es darum, andere Menschen dazu zu bringen, sich künstlerisch auszudrücken und dann ihre Werke zu analysieren. Dabei findet man viel über jemanden heraus. Aber eigentlich wollte ich ja nicht andere Leute zum Malen bringen, sondern selber malen! Kunsttherapeut war für mich also nicht das Richtige. Irgendwann muss man sich entscheiden. Gerade wenn man Kunst machen will, sollte man das aus vollem Herzen machen! Ich habe mich voll für die Malerei entschieden und habe es niemals bereut. Ich male einfach gern.

ARTMAPP: Und wie sind Sie nun auf die Banane gekommen?

TB: Mein Bananen-Erweckungs-Erlebnis hatte ich schon als Zivi im Krankenhaus. Ein Kruzifix war von der Wand gefallen und der Jesus aus Porzellan war zerbrochen. Ich hatte dann die Idee, eine Bananenschale wie einen Gekreuzigten auf dem Kruzifix zu drapieren. Während des Studiums habe ich die Bananenidee dann immer wieder aufgegriffen. Vor 30 Jahren habe ich dann die Banane als Symbol der Auszeichnung ­entwickelt. Der Vorgang des Bananensprayens ist ja weit mehr als die Abbildung einer Frucht an expliziter Stelle. Ich spraye so eine Banane nicht wahllos, sondern weise damit immer auf besondere Orte hin, später eben nur noch auf ­besondere Kunst­orte. Interessant war und ist, die Reaktion der Menschen zu beobachten. Die Verleihung einer Spray­banane führt zu sehr unterschiedlichen Reaktionen bei Galeristen und anderen Personen des Kunstbereichs. Die meisten freuen sich, schließlich ist es eine Aktion, die sie nichts kostet und sie auszeichnet. Ein Kölner Galerist allerdings regte sich furchtbar darüber auf und wollte mich sogar verklagen. Ich würde ja immer die ­gleiche Banane sprühen, das sei austauschbar. Überhaupt sei seine Galerie zu gut und bräuchte diese Auszeichnung nicht. Das Auf­sprühen der ­Banane erfolgt aber keinesfalls wahllos, ­sondern nach einem spezifischen Muster, wie bei einem Versuchs­aufbau in einer psychologischen ­Studie. Eigentlich ist es nur ein bisschen ­Farbe, aber fast immer kommt es unmittelbar zu ­einer un­reflektierten, oft hoch emotionalen Reaktion. ­Dabei kann man sehr viel über einen Menschen und den ­jeweiligen Kunst­ort erfahren. Das ist wie ein Rorschach-Test … es ­fas­ziniert mich. Dann habe ich die Banane mit medizi­nischen Themen ­verbunden, etwa bei der „Äskulap-“ oder der „Magen-­Banane“. Außerdem ist diese Frucht, nicht ­zuletzt auch als Symbol­frucht der deutschen Einheit, ­po­litisch aufgeladen!

ARTMAPP: Thomas Baumgärtel, vielen Dank für das Gespräch!

 

 

Übrigens: Thomas Baumgärtel setzt die hintersinnige Frucht auch gern für die Auseinandersetzung mit aktuellen ­politischen Geschehnissen ein. So hatte er auf die Angriffe auf den Satiriker Jan Böhmermann mit einem Erdoğan-­Bananen-Gemälde reagiert. Aktuelle Arbeiten lehnen an der Wand des Ateliers: Donald Trump mit Banane, im ­bewährten Mix aus freier Malerei und Sprayfarbe. Beide politisch ­auf­geladenen Gemälde haben schon für Aufruhr gesorgt. Ende Januar 2017 hat Twitter Thomas Baumgärtel die ­Verwendung des Bananen-Trump untersagt: ­„Bananen-Gate“ nennen es die Medien.

 

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03/2017

 

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