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Julia Gunther

„Proud Women of Africa“

Bei einem herbstlichen Rundgang 2018 durch Kölner Galerien entdeckten wir in der Galerie Mirko Mayer Arbeiten der ­Fotografin Julia Gunther. Besonders ihre Fotoserie „Proud Women of Africa“ machte uns neugierig, sie näher kennen­zulernen. Für ARTMAPP sprach Bettina Götz mit der Künstlerin.

 

ARTMAPP: Nach deinem Studium Film & Video an der University of the Arts in London hast du acht Jahre als Beleuchterin für deutsche und hollän­dische Filmproduktionen gearbeitet, bevor du dich der Fotografie zuwandtest. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Julia Gunther: Während einer Auszeit von der Beleuchter­tätigkeit arbeitete ich 2008 in einer Filmproduktionsfirma in Kapstadt, Südafrika, und kaufte mir meine erste digitale ­Spiegelreflexkamera (Canon 40D). Ich begann, den Kampf und Überlebenswillen von Philipa, einer Arbeitskollegin, die an Brustkrebs erkrankt war, zu dokumentieren – leider starb Philipa im Februar 2012. Sie ließ sich aber nicht von der ­Krankheit definieren – und gab nie auf. Ich begann, diese kämpferische Haltung bei vielen Frauen um mich herum mehr und mehr zu sehen. Frauen, die ein hartes Leben hatten oder haben, die nicht als „Opfer“ gesehen werden möchten oder sich so definieren lassen wollen. Ich sah tapfere und mutige Kämpferinnen, die Hoffnung in sich tragen und deren Geschichten und ihre Leben ich fotografieren wollte.

 

ARTMAPP: Du widmest dich überwiegend der Dokumentarfotografie. Wie würdest du selbst deinen fotografischen Stil beschreiben?

JG: Ich würde meinen Stil als dokumentarische Porträt­fotografie beschreiben. Das Festhalten von authentischen Momenten des wahren Lebens und das Hervorheben von ­Geschichten sowie Biografien, die die Welt hören muss. Das Einfangen und Sichtbarmachen von Persönlichkeiten mit ­ihren charakteristischen Eigenschaften und Emotionen ist das Hauptziel für mich.

 

ARTMAPP: Eines deiner bekanntesten Arbeiten ist das offene Langzeitprojekt „Proud Women of ­Africa“. Die Serie zeigt in einzelnen Kapiteln das Alltagsleben starker Frauen oder Frauengruppen, die sich auf unterschiedliche Art und Weise für einen sozialen Wandel einsetzen. Was fasziniert dich an diesem Thema?

JG: Der Stolz, die Hoffnung und der Wille, niemals aufzu­geben. Die Aufopferung für die Familie, für die Gesellschaft, das Land, die Umwelt, die Tiere oder die nächste Generation. Diese Frauen, Mütter, Töchter sind keine Opfer – aber Kämpferinnen, Überlebenskünstlerinnen, die durch ihre innere Stärke die Welt um sich herum positiv verbessern.

 

ARTMAPP: „The Black Mambas“, ein Kapitel aus „Proud Women of Africa“, dokumentiert eine rein weibliche Anti-Wilderer-Einheit in der Nähe des Krüger Nationalparks. Neben Aufnahmen, die die Frauen in ihrem ­Arbeits- und privaten Umfeld zeigen, entstanden auch ­eindrucksvolle Porträts, die eine andere Form von Weiblichkeit inszenieren – wie zum Beispiel von Leitah. Wie sind diese Porträts entstanden?

JG: Diese Porträts sind in der Tat während ihrer Arbeit entstanden. Die „Black Mambas“ patrouillieren auf Fußmärschen von sieben bis zu 20 Kilometern am Tag und mit dem Auto abends und nachts. Während der zehn- bis 15-minütigen ­Pausen fragte ich sie, ob ich sie einzeln und (manchmal auch) zusammen fotografieren könnte. Das Einzige, was ich sagte, war: „Show me what’s it like to be a ‚Black Mamba‘.“ Der Rest kam von den Frauen. Im Hinblick auf Leitahs Porträt: Es war mein letzter Tag bei den „Mambas“ und ich war müde und ­kaputt. Die „Black Mambas“ Leitah, Quolile und Happy ­fuhren mich bis zum Gate des Reservats, bevor sie ihre ­Tages­patrouille anfingen. Leitah erzählte ein paar „Mamba“-­Geschichten und sagte an einem gewissen Punkt: „I’m strong, I’m a woman and I bite like a Mamba.“ Da wusste ich, das war der Moment – ich rief: „Stop!“, wir sprangen aus dem Auto, und direkt auf der Straße nahm ich ihr Foto auf. Die Weiblichkeit, die du ansprichst, war genau der Grund, weshalb die „Black Mambas“ von Craig Spencer gegründet wurden. Er war auf der Suche nach einem neuen Konzept gegen das ständige Wildern im Balule-Naturreservat. Statt bewaffneter Männer, sind es unbewaffnete Frauen, die aus denselben Dörfern ­kommen wie die Wilderer und die eher entwaffnend als streitsüchtig wirken.

 

ARTMAPP: Einige Porträts der „Black Mambas“ zeigen das Gesicht aus nächster Nähe. Im Fokus steht dabei der unvermittelte Blickaustausch mit dem Betrachter, der einen voyeuristischen Blick nicht zulässt. Was macht für dich eine gute ­Porträtfotografie aus?

JG: Es gibt diesen gewissen einen Moment, in dem sowohl die Emotion als auch der Ausdruck, die Kameraeinstellung, die Komposition und das Licht miteinander kollidieren – das ist der Moment, den ich immer suche. Das nenne ich die Schönheit und das Drama in der Porträtfotografie. Für eine gute Porträtfotografie braucht man eine emotionale Verbindung zwischen der Person im Bild und derjenigen, die das Foto betrachtet. Das kann Liebe, Wut, Traurigkeit oder eine innere Komplizenschaft sein.

 

ARTMAPP: Inwieweit sind deine Fotos bewusst geplant oder inwieweit verlässt du dich auf deine Intuition und den Augenblick?

JG: Dokumentationsfotografie hat die Schönheit des Nichtwissens und des Nicht-Planens. Ich habe (natürlich) immer ein Konzept und eine Idee – eine Person oder Gruppe, bei ­denen ich weiß: Sie werde ich begleiten, ihnen vertrauen und sie kennenlernen. Dazu kommt auch, dass Afrika in seiner ­eigenen Zeit tickt und dieser muss man sich anpassen – ob man will oder nicht. Obwohl es für die Porträtfotografien natürlich mehr Planung geben muss, entstehen auch diese (oft) durch das spontane Element der Dokumentationsfotografie.

 

ARTMAPP: An welchem Projekt arbeitest du gerade?

JG: Gerade bin ich damit beschäftigt, mein letztes Projekt „Fish For Sex“ zu veröffentlichen, das ich mit der Unterstützung des IWMF (International Women Media Foundation, Washington D. C., USA) realisieren konnte. „Fish For Sex“ handelt von der voreingenommenen Geschlechterdynamik zwischen Fischern und Fischverkäuferinnen in Südmalawi. Dort werden Frauen regelmäßig gezwungen, Sex als Dienstleistung für den Ankauf von Fisch anzubieten. Eine ernste Situation, die neben den ganz persönlichen Problemen natürlich auch zur Verbreitung von Aids in Malawi beiträgt. Ich bereite mit meinem Galerist Mirko Mayer aus Köln eine Auswahl meiner „Fish For Sex“-Bilder als Solopräsentation für „Unseen Amsterdam“ 2019 vor. Des Weiteren sind dieses Jahr wieder Reisen nach Afrika geplant, um sowohl „Proud ­Women of Africa“ fortzusetzen als auch andere, individuelle Geschichten zu erzählen. Ich träume auch von einer Reise nach Alaska und Kanada, weiß aber noch nicht exakt, was ich dort genau suche. Wälder, Wasser, Boote im Winter – bin mir aber sicher, dass es dort viele Geschichten zu entdecken gibt.

 

 

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3/2019

 

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