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Stefan Bircheneder

 

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Ein Interview mit dem Maler Stefan Bircheneder

„Meine Arbeit ist eine ­Antwort

auf etwas Fehlendes in meiner Heimat …“

In Vilshofen an Donau und Vils ist er geboren, gelebt hat er im nahen Straubing, in Regensburg und seit einiger Zeit wieder in Vilshofen. Stefan Bircheneder ist im östlichen Bayern verwurzelt – auch wenn er als ausstellender Künstler in den vergangenen Jahren viel in Deutschland und im Ausland unterwegs war.

 

Die ersten Jahre, so sagt man, sind prägend. Und die verbrachte der Künstler im Schatten prächtiger Benediktinerabteien – in einer reizvollen und sehr geschichtsträchtigen Region. Zwischen Donautal und Bayerischem Wald, zwischen „bayerischer Toskana“ und Klosterwinkel wuchs Bircheneder auf – und absolvierte nach seinem Fachabitur im Bereich Gestaltung in Straubing eine Ausbildung zum Kirchenmaler/Restaurator.

 

Seine Zeit als Kirchenmaler wurde prägend für seine Kunst, mit der Bircheneder 2009 erstmals an die Öffentlichkeit trat. ARTMAPP sprach mit Stefan Bircheneder über Kunst und Kultur, über Provinz und Großstadt, über Foto­realismus und Fiktion – das Interview führte Marc Peschke.

 

ARTMAPP: Lieber Stefan, du bist in Niederbayern geboren, genauer im Landkreis Passau, in Vilshofen. Wie wichtig ist deine Herkunft für deine Kunst?

Stefan Bircheneder: Für mich selbst ist meine Heimat natürlich sehr wichtig. Es ist gut, wenn man irgendwo geerdet ist, und es ist gut, wenn man für seine Arbeit ein positives Umfeld hat. Für die Thematik in meiner Kunst ist die Herkunft aber nicht direkt wichtig. Meine Arbeit ist eher eine Antwort auf etwas Fehlendes in meiner Heimat und auch ein Gegenpol zu dem prägenden, allgegenwärtigen Barock hier.

 

ARTMAPP: Du arbeitest in der Provinz. Oder kann man das gar nicht mehr sagen? Ist „Provinz“ ein Begriff, der für dich überhaupt Sinn ergibt?

SB: In Zeiten ständiger Mobilität, und hier muss man anmerken, dass die nächste Autobahnauffahrt nur zwei Kilometer entfernt ist, sehe ich es nicht als Provinz. Provinz hat ja eine negative Konnotation und sie ist ja nur dort, wo nicht über den Tellerrand geschaut wird. Das vielfältige Kulturleben hier zeugt von einem gewissen Weitblick. Ich würde einfach sagen: Ich arbeite auf dem Land. Das trifft auch am ehesten die Dinge, die ich hier schätze: viel Grün, keine Straßenbeleuchtung und Gemüse aus dem eigenen Garten.

 

ARTMAPP: Deine Malerei zeigt keine niederbayerischen Idyllen, sondern – im Gegenteil – Industrieruinen, Lagerhallen, Schalträume oder verlassene Arbeitsorte. Was interessiert dich an diesen schon historischen Motiven, an der vergangenen ­Industriekultur des 20. Jahrhunderts?

SB: Die „Gründerzeit“ hat ja in Ostbayern nur entschärft stattgefunden. Dem gegenüber stehen Regionen wie etwa Oberfranken mit seiner Porzellanindustrie, die Oberlausitz und das Vogtland mit ihren Textilprodukten – bis hin zum ­bekannten Ruhrgebiet. Für mich stehen aber diese Orte auch für eine ganz aktuelle Thematik. Unsere Arbeitswelt in Zeiten der Digitalisierung muss sich mit ähnlichen Problemen ­auseinandersetzen wie die Industriekultur oder auch die Landwirtschaft im letzten Jahrhundert. „History repeats ­itself“ und hier hilft es, Vorangegangenes zu thematisieren und zu verstehen. Es geht mir ja nicht um den reinen Arbeitsort als architektonisches Sujet. Ich sehe meine Arbeiten im Kontext der Arbeitswelt, also ebenso der Arbeitsbedin­gungen. Die Arbeiter selbst sollen in den Fokus rücken. Und auch die soziale Verantwortung von Arbeitgebern ist ein ­interessanter Aspekt der Industriekultur, beispielsweise Arbeitersiedlungen, wenn man an die momentane Situation auf unserem Wohnungsmarkt denkt.

 

ARTMAPP: Deine Malerei hat fotorealistische Züge. Kannst du mit den klassischen Vertretern des Stils etwas anfangen, also mit jenen Malern, die ihre Hochzeit hatten, als du geboren wurdest?

SB: Auf jeden Fall kann ich mit den meisten Vertretern etwas anfangen, wobei ich meine Arbeit nur bedingt fotorealistisch sehe bzw. meine Intention im Gegensatz zu den frühen Vertretern dieses Genres ja nicht die perfekte Abbildung einer fotografischen Vorlage ist. Der Realismus ergibt sich einfach zwangsläufig durch meine Malweise.

 

ARTMAPP: Das Abbildende, das allzu Virtuose, war in den klassischen Jahren fotorealistischer Malerei ja verpönt. Wie wird deine Ölmalerei heute wahrgenommen?

SB: Es gibt ja allgemein in unserem Konsumverhalten ein ­stärker werdendes Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Produktionsbedingungen. Dies kann man durchaus etwas auf meine Kunst übertragen. Meine Kunden schätzen den langen Produktionsprozess und sehen darin ein Qualitätsmerkmal. Ich denke auch, dass ich durch die lange Auseinandersetzung mit einem Bild dieses ja gewissermaßen persönlich auflade, ähnlich wie die dargestellten Orte eine durch jahrzehntelange Verrichtung von Arbeit aufgeladene Atmosphäre besitzen.

 

ARTMAPP: Arbeitest du nach Fotografien?

SB: Ja, ich habe eine große Datenbank mit Fotografien von meinen Recherchereisen. Dies ist mein Grundstock, aus dem ich schöpfe. Da ich allerdings kein Profifotograf bin und meist die Orte nur sehr kurz aufsuchen kann, sei es aus Sicherheitsgründen oder einfach weil es nicht ganz legal ist, sind viele Fotos eher flüchtige Schnappschüsse. Aber aus einzelnen ­Details und den Zusammenhängen kann ich mir ihm Nachhinein im Atelier meine Version zusammenstellen. Mir bleiben also alle Freiheiten in der Komposition oder Farbgebung. Wobei mir eben eine reine Dokumentation im Sinne einer Bestandsaufnahme nicht wichtig ist, sondern das Einfangen und Darstellen einer verblichenen Energie und atmosphä­rischen Aufgeladenheit.

 

ARTMAPP: In deinem 2017 begonnenen Zyklus „Nur für Personal“ präsentierst du Spinde von ­Fabrikarbeitern, die du als Malerei-auf-Leinwand-Objekte nachbaust. Hier darf der Betrachter einen intimen Blick auf das werfen, was die Arbeiter so alles in ihren Spinden horteten. Der Mensch, seine Privatsphäre, ist präsent in seinen Hinter­lassenschaften. Diese Spinde gehören eigentlich in eine andere Zeit – schwingt da auch Nostalgie mit?

SB: Sicherlich, dahingehend dass Arbeiternehmer heutzutage meist anonym und einfach leicht austauschbar sind, möchte ich ihre Individualität und Menschlichkeit zeigen. Auch oder gerade deshalb wähle ich ja die Titel, etwa „Stereotypen“ oder „Stillleben“. Nostalgisch sind hier die Versatzstücke, die ich dem Betrachter in den Spinden zeige, aber das liegt daran, dass sich aus diesen alten Gegenständen schönere Geschichten spinnen lassen und ich den narrativen Charakter dieser Arbeiterporträts herausarbeiten kann, ohne den Arbeiter selbst darzustellen. Spinde gibt es auch heute noch, allerdings wäre mir die Geschichte mit einem „Coffee to go“-Becher und einer „Powerbank mit Ladekabel“ etwas zu flach.

 

ARTMAPP: Der Trompe-l’œil-Effekt deiner ­Arbeiten ist teilweise überwältigend – etwa wie du Metall darstellst, wie du abgerissene Tapeten malst. Oder auch dieser ganze Rost und Schmutz! Ist das ein Erbe deiner Zeit als Restaurator und Kirchenmaler? Und ist dir das wichtig: dieser ­Über­raschungseffekt, die Augentäuschung?

SB: Es ist sicher eine Antwort auf meine Zeit in diesem Bereich. Oft hatten Dinge und Orte vor ihrer Restaurierung einen größeren Charme. Kleine Makel, Schmutz und Fehler geben den Dingen meist erst ein richtiges Leben und etwas Unangetastetes hat eine stärkere Aura als eine frisch sanierte Kirche. Und dies kann ich nun mit meiner Malerei ausleben. Und die Augentäuschung und der erwähnte Überraschungseffekt sind ja schließlich Stilmittel des Barock. Hier wurde ja oft nur etwas vorgetäuscht, etwa Marmor oder massives Gold mittels Blattgold. Auch meine Malweise, die Lasurtechnik, kommt aus der sakralen Kunst. Ich bediene mich sozusagen derselben Mittel – nur mit anderem Ergebnis. Der Überraschungseffekt ist aber nur zweitrangig bzw. beiläufig. Mir ist vor allem der konzeptionelle Ansatz im „Beackern“ meines Themas wichtig.

 

ARTMAPP: In deinem Lebenslauf ist es schön nachzuvollziehen, wie deine Ausstellungen erst regional verortet waren und sich dann immer mehr ausgeweitet haben. Was waren deine schönsten Stationen und welche folgen noch?

SB: Ein wichtiges Projekt war für mich die museale Ausstellung in der Städtischen Galerie „Leerer Beutel“ in Regensburg. Ich mag sehr gerne besondere Gebäude und jedes Mal wirken meine Arbeiten dementsprechend anders. Die Städtische ­Galerie Straubing im ehemaligen Schlachthof ist zum Beispiel ein beeindruckender, aber auch unheimlicher Ort. Die Spind-Arbeiten beschäftigen sich unter anderem mit dem Thema Privatsphäre eines Arbeiters. Diese dann in einem ­Zivilschutzbunker zu zeigen, in dem im Notfall Privatsphäre vollkommen aufgegeben würde, erzeugte eine hochinteressante Kombination. Diese Ausstellung bei The View in der Schweiz war somit ein Glücksfall. Zurzeit freue ich mich über die Ausstellung im Museum Modern Art in Hünfeld. In den schönen Räumen des alten Gaswerks kann ich mich richtig ausbreiten. Das ist bislang meine größte Schau.

 

 

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11/2019

 

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