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Aljoscha in der Ukraine

Projekt Hoffnung

Peter Lodermeyer sprach mit Aljoscha

Wir versammeln eine kleine Auswahl eindrucksvoller Fotos, die Aljoscha jüngst auf seiner Reise durch entfernte Gebiete seiner ukrainischen Heimat aufgenommen hat. Aljoscha ­porträtierte die Menschen, die blieben und nicht fliehen ­wollten oder konnten. Er fotografierte Zimmer ohne Kinder – nur die Lehrkräfte, Putzleute, Köche, Schulleiter und Erzieher blieben zurück.

 

ARTMAPP: Sie sind zusammen mit Ihrer Frau Natascha im März dieses Jahres, einen Monat nach Beginn des Krieges, in die Ukraine gefahren, um in verschiedenen Städten Ihre „bioistischen“ Objekte zu installieren – und zwar nicht im Kunstkontext, sondern in Sonderschulen und Heimen. Auf den Gesichtern der Menschen, die Sie dabei fotografiert haben, glaubt man, eine Mischung widerstreitender Gefühle ablesen zu können. ­Welche Reaktionen auf diese Kunstaktion haben Sie am meisten überrascht?

Aljoscha: Überrascht hat mich das recht große Interesse an den gedanklichen Hintergründen meiner Ästhetik: an Ideen von Bioismus und Bioethik. Die Lehrer wollten mit uns nicht bloß die leeren Unterrichtsräume schöner und anspruchs­voller gestalten, sondern möchten später, wenn die Kinder zurück sind, das Interesse für die Zukunft der Menschheit weitervermitteln, Begeisterung für die Evolutionsphilosophie wecken. „Transhumanismus“, „Paradise Engineering“, „deviative Lebenskomplexität“ – das alles sollte ich ihnen möglichst gut erklären. Für Pädagogen waren diese neuen, fremdartigen Erkenntnisse wie erleuchtende Geistesblitze, Hoffnungsideen für eine mögliche, bessere Zukunft ohne Leid, Hass und Schrecken. Überrascht hatten mich auch die täglichen spontanen Begeisterungsrufe und das Empfinden für Schönheit von ganz einfachen Angestellten wie Köchinnen oder Putzfrauen.

 

ARTMAPP: Die Atmosphäre auf den Fotos dieser Aktion ist dadurch besonders eindringlich, dass es eine Leerstelle gibt. Es fehlen die Personen, um die es eigentlich geht: die Kinder und Jugendlichen. Wie kommt das?

A: Die ukrainischen Bildungsbehörden schickten damals landesweit alle Schüler in den Onlineunterricht, wo sie alle auch jetzt noch verbleiben. Bei Kriegsbeginn konnten viele Internate ihre elternlosen Kinder sogar ins Ausland evakuieren. Deshalb waren im März und April die meisten Förderschulen und Heime fast kinderlos, während nur die Lehrer jeden Tag zum Fernunterricht erschienen oder sogar in den Schul­räumen übernachteten. Die schallende Leere in den Klassenräumen bedrückte die unterrichtenden, ratlosen Menschen mit der offenen Frage: „Wie geht es weiter?“

 

ARTMAPP: Ihre Fotografien aus der Ukraine ­haben Sie unter den Titel „Project Hope“ gestellt. Welche Hoffnung haben Sie ganz konkret in der jetzigen Situation des Krieges, die sich ja seit März erheblich verändert hat?

A: Wir dachten erst einmal gar nicht über einen Titel nach. Er erschien aber leise bereits im ersten Internat, als die Direktorin uns dankte und bewegt sagte: „Es ist eine Hoffnung für uns.“ Dabei war die allgemeine Lage im März und April wirklich bedrückend und bedrohlich. Wir fuhren weiter nach Osten, machten Installationen. Die Lage und die Stimmung besserten sich wöchentlich merklich, je weiter die Russen sich zurückzogen und wir zur Frontlinie vorrückten, aber Reak­tionen wie: „Es gibt uns Hoffnung ...“, oder: „Es ist eine Zukunftshoffnung für die Kinder ...“, hörten wir täglich. So, von den Lehrern selbst spontan wiederholt, entstand der Titel „Project Hope“. Jetzt, wo die täglichen blutigen, zermürbenden Kämpfe unter unsäglichen, Hass säenden ideologischen Parolen und all der Propaganda zum abstumpfenden Alltag werden, scheint die Hoffnung auf eine Besinnung, auf eine mögliche friedliche Lösung immer noch nicht verloren zu sein. Ich hoffe auf einen Frieden ohne Tötungsquote.

 

ARTMAPP: Hoffnung ist neben Glaube und Liebe eine Kardinaltugend des Christentums. Du hast zahlreiche Installationen in Kirchenräumen ­gemacht, zuletzt in der Katharinenkirche der Burg Bentheim und in der Johanniskirche in Düsseldorf. Gibt es in deiner Auffassung von Kunst einen ­religiösen Bezug?

A: Ja, natürlich, indirekt schon. Religion ist für mich immer ein Versuch, das Unerklärliche und Unbegreifliche in uns und im Universum geistig aufzufassen. Manchmal betrachte ich die Religion als Methode, als weitergehende Mustererkennung – informative Kontemplation über das eigene Dasein. Das wäre eine intuitive Ich-Gestaltung mittels einer Gleichung mit sehr vielen Unbekannten. Kunst unterscheidet sich meiner Meinung nach nicht allzu sehr von Religion: Man glaubt an Ideen, man hofft, man liebt, man gestaltet; man versucht, zur einer Selbsterkenntnis zu kommen; man versucht, das Göttliche in uns zu begreifen und ein freier Geist zu werden. „Ihr seid Götter“, sagte Jesus einmal. Wir erschaffen Götter – hoffe ich.

 

ARTMAPP: Sie nennen Ihre Arbeiten „Bioismus“ oder auch „Biofuturismus“. Ganz kurz auf eine Formel gebracht: Was ist der Kern dieser Kunstrichtung?

A: Bioinformatik, synthetische Biologie und Bioethik werden uns bald ermöglichen, uns selbst umzugestalten und dabei neuartige Lebensformen zu erschaffen. Eine wichtige Eigenschaft der Neugestaltung von Leben ist die Komposition, basierend auf Komplexität und Abweichungen. Zukünftige lebendige Kunstwerke werden womöglich andere Planeten besiedeln. Biokomplexität wird hoffentlich zur höchsten Priorität auf Erden erklärt, und anstatt der UNO werden wir die „United Exosphere“ installieren. Eine Gesellschaft ohne Leid und mit einer nie dagewesenen lebendigen Kunst – das wäre Bioismus.

 

aljoscha.org

 

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7/2022

 

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