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Künstlerporträts

Bis 14. Januar 2018

Helga Griffiths. Crossing

www.stadtgalerie-saarbruecken.de

 

L’HEURE BLEUE

ARTMAPP Herausgeber Reiner Brouwer

im Gespräch mit Helga Griffiths

 

Bildergalerie

helga griffiths

 

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Helga Griffiths in der Stadtgalerie Saarbrücken

Alle Sensoren auf Empfang

Helga Griffiths erwischt uns da, wo wir ganz Mensch sind. Wer ihre Rauminstallationen mit Licht, Video, Sound und Duft betritt, ist auf die eigenen Sinneswahrnehmungen zurückgeworfen: Hier ist sehen, hören und riechen angesagt! Aber auch, wenn man diese multimedialen und -sensuellen Installationen nur über die Empfindungen erfassen kann, ist ihre elementare Grundlage die naturwissenschaftliche ­Forschung. Seit mehr als 20 Jahren lotet die 1959 geborene Helga Griffiths die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung aus – überschreitet sie womöglich? Ihre raumgreifenden Installationen bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Mensch und Umwelt. In ihnen überkreuzen sich Kunst, Wissenschaft und Technologie, und eine besondere Rolle spielen dabei Düfte.

 

„Out-SIGHT-In“ heißt ein zweiteiliges Projekt, das Griffiths 2002 für ihre Ausstellung im Palais de Tokyo in Paris konzipiert hat. Der erste Teil war ein Spaziergang mit der blinden Laurence Jamet durch Paris, bei dem diese einer Gruppe von Sehenden, die spezielle Augenmasken trugen, von ihren inneren Bildern berichtete. Gleichzeitig machte sie Fotografien, indem sie die Kamera in Richtung von Geruchseindrücken auslöste und damit ihre olfaktorische Wahrnehmung visualisierte. Im zweiten Teil, der auch in Saarbrücken gezeigt wird, werden diese Fotografien einer Reihe von Metallkästen gegenübergestellt, aus deren perforierten Oberflächen Licht und Gerüche strömen. Die ausgestanzten Löcher markieren gleichsam wie Brailleschrift (Blindenschrift) den jeweils zurückgelegten Weg, während die vom Parfümeur Karl-Heinz Bork nach den Beschreibungen komponierten Gerüche, etwa von Asphalt oder Linden, die olfaktorische Essenz des Spaziergangs vermitteln. Im von Helga Griffiths installierten Erlebnisraum ergibt das eine beinahe synästhetische Wahrnehmung der Welt.

 

In der poetischen Multi-Sense-Installation „Turbulent Souvenirs / Memories“ hängen Abertausende von Duftprobenstreifen von der Decke und bilden einen spiralförmigen Gang. Eine Wand des Raumes ist mit Spiegeln verkleidet, auf der gegenüberliegenden Seite sind Lautsprecher angebracht, aus denen Stimmen in verschiedenen Sprachen von Geruchs­erinnerungen berichten. Es ist dunkel im Raum, Schwarzlicht taucht die Duftstreifen in leuchtendes Blau, endlos vervielfältigt in der Spiegelwand verströmen sie im leichten Luftzug der Bewegungen im Raum Jacques Guerlains Duft „L’Heure Bleue“. Guerlain wollte mit seinem 1912 kreierten Klassiker das melancholische Gefühl des schwebenden Augenblicks zwischen Tag und Nacht einfangen. Dazu inspiriert hatte ihn ein Spaziergang zur „blauen Stunde“ entlang der Seine. Beim Durchschreiten der Spirale scheint sich der Raum komplett aufzulösen. Nur noch diese endlosen blauen Teilchen, der Duft und das Stimmengewirr umfangen den Besucher. Man ist in einer Art Schwebezustand. Alle Sinne sind hellwach, die Wahrnehmung ist für feinste Nuancen geschärft. Alle Sensoren stehen auf Empfang.

 

Unsere sinnlichen Erfahrungen nehmen wir meist über das Sehen und Hören wahr und doch funktioniert nichts so schnell wie die Verbindung von Geruchssinn und Gefühl. Bis heute ist es zwar nicht möglich, olfaktorische Eindrücke ­aufzuzeichnen, aber Gerüche können sehr komplexe Erinnerungen hervorrufen. Und Erinnerungen sind das, was bleibt, etwa wenn man die Heimat verlassen musste. Im Ersten Weltkrieg schickte Guerlain „L’Heure Bleue“ an seine Freunde im Feld, um ihnen ein Stück Heimat zu senden. Helga Griffiths hat in der Installation „Migratory Sense“ die olfaktorischen Erinnerungen des geflohenen Mohammad Ghassan Arksousi an Damaskus gebannt. Eine von innen ­beleuchtete und perforierte Metallkugel verströmt den Duft seiner Heimat.

 

Auch Odysseus war einer, der seine Heimat für lange Zeit ­verlassen hat. In der Videoinstallation „Odyssey“ durchwogt eine Art Spruchband den lang gestreckten Raum. Meeresbrandung tönt aus den Lautsprechern und über das Band, die Wände ­sowie die Besucher projiziert bewegen sich Wörter und Buchstaben wie Treibgut im flachen Wasser. Es sind Fragmente aus Homers „Odyssee“, aus der am Ende dieser Woge in einer kreisförmigen Videoprojektion der Schauspieler Oliver ­Powell, überblendet von Meeresbildern, rezitiert.

 

Geschichte und Geschichten werden weitergegeben, sie schreiben sich in uns ein, werden Teil unserer Erinnerung, in der sich visuelle, akustische, haptische, gustatorische und olfaktorische Wahrnehmungen überlagern. „Crossing“ ist der Titel von Helga Griffiths’ Ausstellung in der Stadtgalerie Saarbrücken, in der insgesamt sieben Installationen zu erleben sind. Andrea Jahn präsentiert damit hier die erste große Einzelausstellung von Helga Griffiths in Deutschland.

 

Kim Behm

 

 

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Helga Griffiths im kurzInterview

 

L’HEURE BLEUE

 

 

Reiner Brouwer: Liebe Frau Griffiths, seit mehr als 20 Jahren loten Sie die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung aus. In Ihren Installationen verknüpfen sich Kunst, Wissenschaft und Technologie. Eine ganz besondere Rolle spielen Düfte.

Helga Griffiths: Ich interessiere mich im Besonderen für die Wiederbelebung von vernachlässigten Sinnen wie dem Geruchssinn, aber auch für die Ausbildung, Entwicklung neuer Wahrnehmungen. Würden wir etwa die „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ intensiver erleben – oder würden wir vielleicht mit Lebewesen auf fremden Planeten kommunizieren können, wenn wir nur die Sinne dafür entwickelt hätten?!

 

RB: Dieses Jahr konnte man Ihre Arbeiten in der Kunst- halle Darmstadt und dann in der Stadtgalerie Saarbrücken sehen – ihre erste deutsche Übersichtsausstellung. Denn eigentlich sind Sie eher auf Biennalen oder Triennalen in den internationalen Kunstmetropolen unterwegs.

HG: Die Teilnahme an internationalen Biennalen ermöglicht mir, komplexe Rauminstallationen zu realisieren und einen offenen Austausch mit internationalen Künstlern und Kuratoren zu pflegen. Oft ist die Wahrnehmung eines Werkes je nach kultureller Prägung eine völlig andere, etwa bei der Arbeit „Identity Analysis“, die sowohl bei der Havanna Biennale als auch auf der Curitiba Biennale (Brasilien) gezeigt wurde. In Südamerika nahm man sie viel spiritueller wahr, als zum Beispiel am ZKM Karlsruhe, wo man alles eher aus einer wissenschaftlichen, analytischen Perspektive betrachtete.

 

RB: In Saarbrücken arbeiten Sie mit Ihrer blinden Projektpartnerin Laurence Jamet zusammen. Worin liegt das Besondere in dieser Kollaboration?

HG: Laurence Jamet habe ich 2001 in Paris kennengelernt. Wir haben die Stadt dann über einen sehr langen Zeitraum gemeinsam erkundet und über unsere Wahrnehmungen von „Wirklichkeit“ reflektiert. Obwohl wir Sehenden wohl niemals die Wahrnehmung von Laurence erleben können, so vermittelt der Erkundungsgang mit ihr einen ganz unterschiedlichen Rhythmus und eine Fokussierung auf den eigenen Körper als Erfahrungshorizont.

 

RB: Helga Griffiths, vielen Dank für das Gespräch.

 

 

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11/2017

 

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