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Willi Siber

 

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Besuch bei Willi Siber in seiner oberschwäbischen Heimat

„Die Freiheit zum Schönen“

Einmal, im Norden von Deutschland bei einer Aus­stellungseröffnung, da wurde Willi Siber als Schwabe bezeichnet. Der Künstler protestierte verhalten: Er sei aus Oberschwaben … − Das Publikum lachte, es sah in der ­Korrektur eine Steigerungsform von Schwaben. Soviel zur Heimatkunde.

 

Der Maler, Bildhauer und Zeichner Siber wurde 1949 in Eberhardzell geboren, einer Gemeinde im – ja – oberschwäbischen Landkreis Biberach. Er lebt im Ortsteil Dietenwengen, einem 100-Seelen-Dorf. Oberessendorf, ein weiterer Ortsteil von Eberhardzell, war der Geburtsort von Maria Menz (1903−1996). Die „verletzliche wie starke“ ­Lyrikerin, wie Martin Walser über Menz notierte, wird auf Wikipedia unter „Söhne und Töchter der Gemeinde“ ­genannt. Nicht so Siber. Eine Fehlleistung. Aber das wird den Künstler nicht wirklich ärgern.

 

Willi Siber hat sich längst auf nationaler und internationaler Ebene einen Namen gemacht. Dazu musste er das Dorf und das Elternhaus verlassen – der Vater betrieb eine Schreinerei. Nach dem Abitur studierte er an der Universität Stuttgart Kunstwissenschaften, zeitgleich besuchte er die Fachklasse für Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste. Er war Meisterschüler bei dem Bildhauer Herbert Baumann. Siber schloss beide Studiengänge mit dem Staatsexamen ab und wurde Lehrer. Und änderte dann doch die Laufrichtung, machte nur noch Kunst und erwarb sich den Ruf eines „neuen Wilden“. Das waren die 1970er-Jahre. Siber richtete sich in Reutlingen ein erstes Atelier ein, ein zweites in Dieten­wengen und bald ein drittes im Tessin.

 

Nach drei Jahrzehnten Unterwegssein kehrte er um das Jahr 2000 endgültig nach Oberschwaben zurück. In das Elternhaus, zu dem die alte väterliche Schreinerei gehört, in der er schon als Kind ein- und ausging. Es ist daher kein Zufall, dass der frühe Siber Holz, und das gleich mit der Kettensäge, bearbeitete. Im großen Garten des Elternhauses, in dem Siber neben dem Atelier ein Depot für seine Arbeiten errichten ließ, steht eine alle Gebäude überragende Wildbuche, die der ­Abiturient 1969 gepflanzt hatte. Der Werkstoff Holz übte schon immer eine Faszination auf ihn aus. Bekannt machten ihn die aus Holz verfertigten Gitterobjekte, die den schweren und bemalten Holzobjekten folgten.

 

Dietenwengen ist für Willi Siber ein Ort der Ruhe und der Konzentration. Seine Sammler finden ihn auch hier. Ein Dutzend Galerien weltweit vertreten ihn, auf jährlich bis zu 15 Kunstmessen ist er mit seinem Werk präsent. Dazu kommen Ausstellungen. Die nächste beginnt Mitte November im Kunstverein Münsterland (bis 10. Januar 2021). „Ich frag mich selbst jeden Tag, wie das alles geht“, räumt er ein.

 

Siber ist ein disziplinierter Künstler. Morgens früh um sechs steht er im Atelier, wenn er nicht gerade Besucher wie uns empfängt oder selbst in Sachen Kunst unterwegs ist. ­Seine Disziplin ist vielleicht der (ober-)schwäbischen Heimat geschuldet, der das schmunzlige Image „schaffe, schaffe, Häusle baue …“ nachhängt. Siber braucht auch keine innere Eingebung oder Ähnliches, wenn er das Atelier betritt, da ist er unromantisch. Er geht Kunst strategisch an. Wie ein ­Architekt. „Selbst Sinnlichkeit lässt sich planen“, sagt er, der mit seiner Kunst die Welt nicht retten, aber sie doch etwas schöner gestalten will. So „tickte“ er nicht immer. In den 1980er-Jahren malte Siber, ganz Kind der Zeit, großformatige halb abstrakte Protestbilder gegen Pershing-Raketen und ­Kalten Krieg.

 

Willi Siber schafft in Dietenwengen nicht nur seine unverwechselbare Kunst. Von hier aus organisiert er auch die Kontakte zur Kunstwelt. Das Büro ist im sanierten Elternhaus, in dem keine einzige Arbeit zu finden ist, dafür Bilder, Skulpturen und Installationen von Kollegen. Einer davon ist Ottmar Hörl, der es mit Multiples zu gewisser Berühmtheit gebracht hat. Siber schätzt den Freund. Aber sein Ansatz ist ein gänzlich anderer. Er legt Wert auf die Aura des Originals. Jedes Werk, das sein Atelier verlässt, ist ein Unikat.

 

So gut Siber organisiert ist, so aufgeräumt das Haus, so chaotisch wirken dagegen die Arbeitsräume des ganz und gar unprätentiösen Künstlers. Seine Frau, sagt er lächelnd, betrete die Ateliers längst nicht mehr. Sie könne die Unordnung nicht ertragen – seine Frau, Stefanie Dathe, leitet die Museen der Stadt Ulm. Anders Siber. Beim Rundgang entsteht der Eindruck, dass ihn die mit Bildern, Tischen, Farbeimern, Rahmen, auch Müll zugestellten Räume inspirieren. An einer Wand kleben Farbpinsel. Siber nennt dieses Werk schelmisch „Das Ende der Malerei“. Wenn er nicht mehr da sei, sagt er, werde die Wand ein Teil der Sammlung seiner Stiftung.

 

Willi Siber ist im Vorstand der Hoenes-Stiftung, die das ­Museum Villa Rot in Burgrieden-Rot (ebenfalls Landkreis ­Biberach) trägt. Seine Zustiftung hat es ermöglicht, dass die 1912 erbaute Villa vor einigen Jahren eine Kunsthalle als Anbau erhielt. Der Kubus, angedockt an das Mutterhaus, hat mit zusätzlichen 145 Quadratmetern die Ausstellungsfläche des Museums um 50% erweitert. Jetzt ist Raum für große Skulpturen und Plastiken.

 

Dass sich Siber mit dem Anbau einen eigenen Tempel errichtet habe, weist er zurück. Anlässlich seines 70. Geburtstags richtete ihm Kuratorin Sabine Heilig eine Retrospektive ein. „der weg – Willi Siber 1980−2020“ führte von den farb­intensiven Gemälden und filigranen Zeichnungen, der Kettensägenphase und den Noppen- und Gitterarbeiten zu den Stelen und Artefakten, bei denen der Künstler mit ­Emulsionen und Lasuren experimentierte. Auch die kunstharzigen Nagelobjekten und Skulpturen aus Stahlrohr sowie aktuelle konkav-konvexe Tafelobjekte, bei denen Siber mit ­changierenden Interferenzfarben die menschliche Wahr­nehmung auf die Probe stellt – Heilig nennt sie „Blickfallen“ –, wurden ausgestellt.

 

Die Überblicksschau bestätigte Sibers Nimbus als Künstler, der sich in kein Gattungssystem einzwängen lässt, der sich immer wieder neu erfindet. Es war die erste Rückschau auf sein Werk überhaupt. Das Bewusstsein, dass da ein Lebenswerk entstanden ist, habe er bis dahin nicht gehabt. Bescheidenheit – auch das ist eine (ober-)schwäbische Tugend. Das Gros der Exponate waren Leihgaben. Er verkauft sich gut. Die Marktpräsenz macht ihn unabhängig, sie gibt ihm die „Freiheit zum Schönen“.

 

Inzwischen erwirbt Siber Werke für die Stiftung ­zurück. Einige hat er in seinem Depot in Dietenwengen ­zwischengelagert. Bei ihm stellt sich langsam ein anderes Denken ein, sagt er. Auch das Alter spielt dabei eine Rolle. Ans Aufhören denkt er nicht. Er brennt noch. Kunst zu schaffen, vom Bekannten ins Unbekannte gehen, Vertrautes so zu ­verändern, dass daraus Irritierendes und – eben – Neues ­entsteht, das ist nicht nur ein Job, das ist seine Lebensart. Das sagt auch Walser von seiner Schriftstellerei. Der publiziert noch mit 93 …

 

Siegmund Kopitzki

 

www.willisiber.de

 

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11/2020

 

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