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Thomas Hirschhorn in Biel/Bienne

Robert Walser-Sculpture

„Ich will eine Skulptur machen,

die sich in jedem Moment neu erfindet.“

Die „Schweizerische Plastikausstellung“ wurde 1954 in Biel im Kanton Bern gegründet, um in regelmäßigen Zeitabständen das bildhauerische Schaffen helvetischer Künstlerinnen und Künstler abzubilden. Seither hat das Großprojekt diverse Modernisierungen und Modifikationen erlebt. Für diesen Sommer wurde nur ein Kunstschaffender nach Biel einge­laden: Thomas Hirschhorn, der international bekannte Schweizer Künstler und Provokateur. Auf dem Bahnhofplatz lässt er seine „Robert Walser-Sculpture“ entstehen, zu der ein ganzes Bündel von Aktivitäten gehören wird, die in Kooperation mit zahlreichen Bielerinnen und Bielern realisiert werden. Das Projekt ist eine Hommage an den Dichter Robert Walser, der 1878 in Biel geboren wurde. Für ARTMAPP traf Alice Henkes den Künstler zum Interview.

 

ARTMAPP: Thomas Hirschhorn, Sie wollen auf dem Bahnhofplatz in Biel eine „Robert ­Walser-Sculpture“ aufbauen. Was darf man sich darunter vorstellen?

Thomas Hirschhorn: Die „Robert Walser-Sculpture“ soll meinem Verständnis von Skulptur heute im öffentlichen Raum eine Form geben. Sie soll ein Ereignis sein, das Begegnungen ermöglicht. Ein solches Ereignis ist aber nicht zu beschreiben, da ein wirkliches Ereignis nicht zu planen ist. Was ich kann und muss, ist, die Konditionen für ein Ereignis und für Begegnungen zu schaffen. Darin liegt meine Mission.

 

ARTMAPP: Können Sie einige Beispiele geben, welche Komponenten zu dieser „Robert ­Walser-Sculpture“ gehören werden?

TH: Zur „Robert Walser-Sculpture“ gehört ein Bündel von „Präsenz- und Produktions“-Elementen. Zum Beispiel eine ­eigene Tageszeitung, ein TV-Studio, eine Cantina, tägliche Spaziergänge auf den Spuren Robert Walsers, zwei ­Poesie-Residenzen, tägliche Vorträge von Robert-­Walser-Kennern, tägliche Vernissagen, die Präsenz des Robert Walser-Zentrums aus Bern, ein tägliches Programm der Volkshochschule, tägliche Aufführungen eines Robert-­Walser-Theaterstücks, ein Kinderprogramm, die Präsenz einer Schlangenbeschwörerin und vieles mehr.

 

ARTMAPP: Ist die „Robert Walser-Sculpture“ also eine Art Bühne?

TH: Nein, die „Robert Walser-Sculpture“ ist zugleich Projekt und Form! Eine Skulptur im öffentlichen Raum beschränkt sich für mich nicht auf ein Objekt, sondern es geht darum, dass die Skulptur vieles impliziert. Es geht darum, dass meine Arbeit den Kontakt sucht, direkt eins zu eins. Es geht darum, dass sich der heutige Skulpturbegriff vom passiven „Objekt-Sein“ zur aktiven und proaktiven Skulptur wandelt. Ich will eine Skulptur schaffen, die sich in jedem Moment neu ­erfindet, neu denkt, neu schöpft. Deshalb ist die „Robert ­Walser-Sculpture“ eine Batterie, die sich – ohne Unter­brechung – immerzu neu auflädt.

 

ARTMAPP: Wird es auch Aktivitäten jenseits des Bahnhofs geben?

TH: Alle Produktionen gehen von der „Robert Walser-Sculpture“ am Bahnhofplatz aus. Auch die täglichen Spaziergänge beginnen an einem Treffpunkt an der „Robert Walser-Sculpture“. Nur geht es dann in die Stadt oder ins Umland hinaus. Es kann auch sein, dass sich etwas in und mit der „Robert Walser-Sculpture“ entwickelt, was sich dann in die Stadt ­hinein streut oder sprengt, oder dass sich etwas vom Bahnhofplatz aus in die Stadt oder weiter herum verpflanzt.

 

ARTMAPP: Was bedeutet Robert Walser für Sie?

TH: Ich bin ein Fan von Robert Walser. Ich liebe ihn seit ich erstmals ein Walser-Buch gelesen habe. Sofort habe ich ­erkannt: Ich bin ein Teil der „Geschwister Tanner“. Um meiner Bewunderung Form zu geben, habe ich immer wieder Referenzen zum Werk und Leben Robert Walsers in meine Arbeit integriert. Schon immer wollte ich eine große Arbeit nur für ihn und sein Andenken schaffen. Dass ich das jetzt in Biel – in seiner Geburtsstadt – im öffentlichen Raum realisieren kann, ist wundervoll – es ist ein Glücksfall.

 

ARTMAPP: Warum der Bahnhof?

TH: Alles spricht für den Bahnhofplatz: Jede und jeder kennt den Ort und sehr viele Bielerinnen und Bieler überqueren diesen Platz – manchmal täglich. Er ist der Ort in Biel, der die Stadt mit der übrigen Schweiz, mit der Welt, verbindet, es ist ein demokratischer Ort. Der Bahnhofplatz in Biel verkörpert den öffentlichen Raum perfekt. Ein Durchgangsort für viele – ein Aufenthaltsort für einige, es gibt keinen öffentlicheren Raum. Robert Walser hat Bahnhofssituationen öfters beschrieben. Dazu kommt, dass sich auf der anderen Seite des Bahnhofs der Robert-Walser-Platz befindet und mit meiner „Robert Walser-Sculpture“ auf dem Bahnhofplatz werden die Benutzerinnen und Benutzer des Bahnhofs so während des Sommers 2018 von Robert Walser umklammert.

 

ARTMAPP: 2013 haben Sie in der Bronx in New York das „Gramsci Monument“ realisiert, das sich auf den italienischen Philosophen Antonio ­Gramsci bezog. Was interessiert Sie an der Aus­einandersetzung mit Dichtern und Denkern?

TH: Ich denke, dass es neben Künstlerinnen und Künstlern die Poetinnen und Poeten, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die Philosophinnen und Philosophen sind, die die Welt verändert haben. Ich denke etwa an Hannah Arendt, Hannah Höch, Gilles Deleuze, Georges Bataille und ­Friederich Nietzsche ... Sie alle haben – durch ihre Arbeit – die Welt und die Sicht auf die Welt verändert. Das will ich zeigen. Ein Fan zu sein von Robert Walser, Antonio Gramsci, Meret Oppenheim oder Ingeborg Bachmann, erlaubt mir, die Ästhetik eines Fans anzuwenden, und dies ermöglicht mir, mein Fan-Sein mit allen möglichen anderen Fans zu verbinden.

 

ARTMAPP: In Biel ebenso wie in der Bronx ­arbeiten Sie mit Menschen aus der Bevölkerung zusammen, die nicht aus dem Kulturkontext ­kommen. Was ist die Idee dahinter?

TH: Es geht darum, mit unmittelbaren Bewohnerinnen und Bewohnern zu arbeiten, weil ich ein Monument oder eine Skulptur da aufbauen will, wo Menschen leben, und nicht in einem Park oder in einem Skulpturen-Garten. In der Bronx beim „Gramsci Monument“ waren es die Anwohner der ­Sozialsiedlung „Forest Houses“, in Biel für die „Robert ­Walser-Sculpture“ sind sie aus der Stadt Biel. Diese Form ist einfach und komplex, denn um eine möglichst große lokale Implikation von Bewohnerinnen und Bewohnern zu erreichen, liegt es auf der Hand, mit ihnen zu arbeiten, es ist aber auch eine Herausforderung. Es macht Spaß, mit ihnen zu ­arbeiten, da die Mitwirkenden so auch gleichzeitig mögliche Besucherinnen und Besucher der Skulptur sind. Mit Bewohnerinnen und Bewohnern zu arbeiten drängt das sterile und langweilige „Kultur-Spezialisten-Denken“ zurück. Es ist ­weiterhin sinnvoll, mit Anwohnern zu arbeiten, weil damit die Chance des Gelingens oder das Risiko des Nichtgelingens der „Robert Walser-Sculpture“ – beides – greifbarer, größer und konsequenter sein werden.

 

ARTMAPP: Der „Robert Walser-Sculpture“ ging eine Serie von sogenannten „Fieldworks“ voran. Was bedeutet das?

TH: „Fieldwork“ heißt Feldarbeit. Eine ausgeweitete „Fieldwork“ zu machen, ist entscheidend bei Projekten im öffentlichen Raum, denn es geht darum, den öffentlichen Raum und die, die mit ihm in Kontakt sind, kennenzulernen. Den Kontakt mit den Akteuren der Stadt zu suchen, ist grundlegend – es geht darum, an der Frontlinie sein. Es geht darum, „auf dem zu Feld“ zu sein, und das stets mit einer gewissen ­Instabilität, im Ungewissen, in prekärer Lage. Nur, wenn ich vorab eine seriöse „Fieldwork“ gemacht habe, habe ich mit meiner Arbeit eine Chance, jemanden zu implizieren. Hier in Biel habe ich insgesamt sieben „Fieldworks“, das waren sieben mehrtägige Aufenthalte in der Stadt mit Treffen und Diskussionen mit Bewohnerinnen und Bewohnern, über insgesamt eineinhalb Jahre gemacht.

 

ARTMAPP: Sie haben den Ausdruck „nichtexklusives Publikum“ geprägt. Wer ist damit gemeint?

TH: Das „nichtexklusive Publikum“ ist „der/die Andere“. Es ist das Publikum, das ich nicht kenne, es ist das Publikum, das mir fremd ist, es ist das Publikum, das sich nicht für Kunst ­interessiert, es ist das Publikum, das andere Probleme hat als Kunst, und es ist das Publikum, das ich jeden Tag auf der ­Straße – nicht im Museum – treffe. Ich will auch für dieses ­Publikum arbeiten. Und wichtig ist dabei, dass ich meine Arbeit in Richtung dieses Publikums „werfe“. Es ist ebenfalls wichtig, dass ich meine Arbeit nicht in die Richtung des „Spektrums der Abwägenden“ – das sind die Kunstliebhaber, die Kunstkenner und die mit Kunst Arbeitenden – richte. ­Deshalb ist das „nichtexklusive Publikum“ eine Utopie, eine Energie, eine Dynamik und immer eine Bewegung. Es ist der Wille, niemanden von meiner Arbeit auszuschließen – denn ich will einschließen mit meiner Arbeit. Kunst darf sich nie an ein exklusives oder VIP-Publikum richten. Kunst kann, muss und will – immer – einschließen.

 

ARTMAPP: Thomas Hirschhorn – vielen Dank für das Gespräch!

 

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04/2018

 

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