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Moritz Götze in Wilhelmshaven

Scapa Flow und nicht zurück

Moritz Götze ist ein überaus vielseitiger Künstler, vor allem jedoch bekannt für seine Emailarbeiten, in denen er zumeist historische Themen und Motive aufgreift und nacherzählt. Fast sein gesamtes bisheriges Leben hat er in Halle (Saale) zugebracht, wo er bis heute lebt.

 

In einer Ausstellung des Marinemuseums Wilhelmshaven widmet er sich noch bis 23. Juni Scapa Flow, jener legendenumwobenen schottischen Bucht, in der sich vor einhundert Jahren die gesamte preußische Kriegsmarine nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg selbst versenkte. (Danach zeigt er in der Kunsthalle Wilhelmshaven „Götzendämmerung – Bilder zur deutschen Geschichte“.) ARTMAPP traf den Maler, Grafiker und Objektkünstler zum Gespräch über den Untergang von Preußens Stolz in den Fluten des Atlantiks und die Wurzeln seiner künstlerischen Geschichtsbesessenheit. Das Interview führte Carsten Probst.

 

ARTMAPP: Moritz, mit Scapa Flow beschäftigst du dich schon lange. Vor zehn Jahren hast du die ­Kaiserlich Preußische Flotte schon einmal symbolisch im Park von Schloss Neuhardenberg versenkt. Jetzt die Ausstellung in Wilhelmshaven, nächstes Jahr in Schottland – was fesselt dich so nachhaltig an diesem Stoff?

Moritz Götze: Mein erstes ScapaFlow-Bild habe ich sogar schon 1981 gemalt, und Scapa Flow war auch mein erstes Reise­ziel im Ausland nach der Grenzöffnung im Sommer 1990. Die Sache beschäftigt mich also noch länger! Es ist ­natürlich ein historischer Ort. Diese kahle Insellandschaft ohne Bäume mit dem Meer, das ist schon sehr ergreifend. Zum Beispiel gibt es noch Reste der ehemaligen Schiffsbarrieren aus dem Zweiten Weltkrieg, die Engländer hatten damals die ­Zufahrten zu den Orkney-Inseln durch Wracks von Handelsschiffen verbarrikadiert, und die liegen da heute noch. Darauf bin ich bei Ebbe natürlich herumgeklettert. Und dann macht man sich klar, hier lagen 1919 diese 74 Kriegsschiffe der ­Kaiserlich Preußischen Marine, die sich dort selbst versenkt hat. Für die preußischen Offiziere war es seinerzeit natürlich eine ­Frage der Ehre – lieber die ganze Flotte versenken, als sie dem Feind überlassen! Als Künstler würde ich das heute ein ­bisschen anders deuten, nämlich als eine der größten pazi­fistischen Aktionen der Menschheitsgeschichte. Vorher hatten 60 Millionen Steuerzahler in Preußen über dreißig Jahre lang dafür geblutet, dass diese Armada überhaupt gebaut werden konnte. 74 Schiffe, die auf einen Schlag den Stöpsel ziehen, und dann versinkt so eine ganze Flotte auf einmal – und der einzige Zeuge ist ein Dampfer, der zufällig dazwischen ­herumfährt mit einer Schulklasse auf Ausflugsfahrt … das ist doch surreal! Für mich endet Preußen an diesem Tag und nicht erst 1946, als die Alliierten den Namen offiziell gelöscht haben.

 

ARTMAPP: Kann man heute vor Ort noch etwas von den Ereignissen erahnen?

MG: Ein paar Wracks liegen tatsächlich noch da, die stehen unter Denkmalschutz. Ab und zu darf trotzdem noch Stahl entnommen werden für wissenschaftliche Instrumente, denn „Low-Background-Steel“, der noch vor den ersten Atombombenabwürfen in den 1940er-Jahren hergestellt wurde und eine geringere Strahlung hat als der spätere, gibt es heute kaum noch. Insgesamt sind damals 50 Schiffe gesunken, einige wurden aber auch noch von den Engländern an Land gezogen. Die gesunkenen Schiffe haben sie für 40.000 Pfund an einen Schrotthändler verkauft, der sie über Jahrzehnte nach und nach gehoben hat, indem er Rohre auf die Wracks geschweißt und Druckluft reingepumpt hat, bis sie langsam hochkamen und verkehrt herum in eine Werft geschleppt werden konnten.

 

ARTMAPP: Deutsche Geschichte als Thema ­deutscher Künstler nach 1945, da denkt man an bedeutungsschwere Kost von Anselm Kiefer, Jörg Immendorff oder auch Thomas Demand. Aber du hast offenkundig einen anderen Zugang gefunden ...

MG: Ach, ich glaube, ich bin in dieses Thema einfach so ­hineingeschlittert … (lacht) Vielleicht ist es auch eine Möglichkeit für mich, auf künstlerische Art, so maltherapiemäßig an ­Geschichte heranzukommen und sie besser zu verstehen. Ich gebe mir ja immer viel Mühe, die Sachen aufzubereiten, mit Texten in den Ausstellungen oder Katalogen. Viele Sachen wären sonst auf den ersten Blick eher kryptisch. Geschichtszeichen sind ja immer kryptisch und müssen erst einmal entschlüsselt werden.

 

ARTMAPP: Deine Arbeiten wirken oft ironisch auf mich, schon deine Emailtafeln mit den märchen- oder comichaften Motiven. Was ist für dich das Ironische an Scapa Flow?

MG: Dieses Spielerische am Krieg, so richtige Jungenspiele sind das doch, diese Strategien der Kapitäne vor ihren See­karten oder diese Rituale der Ehre. Zwei Kapitäne, jeder auf einer Seite, die sich persönlich vielleicht sogar schätzen, und dann schießen sie sich gegenseitig ihre Schiffe zusammen, bis einer untergeht. Der Verlierer wird am Ende aus dem Wasser gefischt und bekommt eine Zigarette. Das finde ich ziemlich verrückt. Deswegen habe ich in der Wilhelmshavener ­Ausstellung zum Beispiel einen alten Flipperautomaten umfunktioniert und neue Kontakte angelötet, die dann per Zufall Schüsse auslösen. Bei Krieg und Geschichte spielt der Zufall ja oft eine entscheidende Rolle. Auf einer Wand dahinter leuchten beim Spielen Versatzstücke dieser ganzen Geschichte auf, Filme und Sounds, auch zum Zweiten Weltkrieg und der U-Boot-Geschichte mit dem Kommandanten Günther Prien, der wegen Scapa Flow ja ein Held für die Nazis war.

 

ARTMAPP: Deine Eltern sind beide Künstler. Wie stark hat das deinen Weg geprägt?

MG: Da gab es eine frühkindliche Prägung, auch wenn mein Weg natürlich ein anderer ist. Anfangs war ich immer irritiert, wenn ich als Jugendlicher Bilder anderer Gegenwartskünstler gesehen habe, weil die so anders aussahen als die meiner ­Eltern. Mein Vater, Wasja Götze, war einer der ersten Pop-Art-Künstler der DDR. Im Westen ging es der Pop-Art ja vor allem um Konsumkritik, in zwei Dritteln der Bilder meines Vaters ging es aber um die DDR, also um die Mauer oder den Parteiapparat – und das war in den Sechzigern total problematisch. Er war dann auch noch unter den Erstunterzeichnern der Biermann-Petition! Meine Mutter war Lehrerin an der Hochschule Burg Giebichenstein, das war die Einkommensquelle der Familie – alles stand damit zur Disposition. Ist aber glimpflich ausgegangen, meine Mutter wurde nicht entlassen, und mein Vater bekam zwar Ausstellungsverbot, aber nur im Bezirk Halle.

 

ARTMAPP: Hast du dich selbst auch als wider­ständigen Künstler gesehen? Du gehörtest in den 1980er-Jahren zur Punkbewegung in der DDR ...

MG: Widerstand bestand damals eher darin, das System zu ­ignorieren, wo es nur ging. Für mich war die DDR ein verkommenes, böses System mit kleingeistigen Hausmeistern an der Macht. Da haben wir nur noch versucht, unser eigenes Ding zu machen. Wir haben zwar nichts „gegen“ die DDR ­gemacht, aber Freunde von mir sind damals trotzdem im Gefängnis gelandet – einfach so, ohne Angabe von Gründen. Das war Normalität, dass man einfach nichts erfuhr. Es gab diese ständige, diffuse Bedrohung auch gegen unbescholtene Leute. Ich denke, das war vor allem der Grund, weshalb sich irgendwann so viele gedemütigt fühlten und nicht mehr an dieses System glaubten – sogar bei der Polizei, den Soldaten und der Stasi. So ist das System 1989 implodiert, die Leute haben sich einfach alle verarscht gefühlt.

 

ARTMAPP: Und danach?

MG: Lass’ es mich einmal so sagen: Mir geht natürlich auch manches gegen den Strich in der Bundesrepublik. Trotzdem ist sie für mich das beste Deutschland, das es je gegeben hat. Vor ­allem die Bundesrepublik der achtziger und neunziger Jahre. Wenn du das vergleichst mit der DDR, mit den fünfziger Jahren oder mit der Nazizeit oder dem Kaiserreich, dann läuft alles doch ziemlich korrekt, man hat viele Freiheiten und Möglichkeiten. Aber es gibt auch die Verbitterung, da reicht ein Blick auf die Debatte über die Rechten hier. Aber wenn du dir mal anschaust, welche Innovations- und Wirtschaftskraft früher in Mitteldeutschland angesiedelt war – das war wie heute Baden-Württemberg und Bayern zusammen! Und wenn du heute durch die sterbenden Kleinstädte fährst, dann siehst du, da standen früher Fabriken, die wie Schlösser aus­sahen. Und dann die Villen! Ich frage mich immer, wo die Arbeiter gelebt haben! Dann wächst auch das Verständnis, dass dieser Verlust der Boden für Verbitterung ist.

 

ARTMAPP: Wie ist dein eigenes Verhältnis zu dieser Geschichte?

MG: Ich bin ja sehr lokalpatriotisch veranlagt, manche nehmen mich deshalb ja schon gar nicht mehr ernst! (lacht) Aber ­Mitteldeutschland ist so ein geschichtsträchtiger Raum mit der größten kulturellen Dichte weltweit außer Italien – und ist so verkommen! Es gibt keine Gegend in Deutschland, keine einzige Gegend außer dieser zwischen Eisleben, Merseburg, Naumburg, Halle, wo Kirchen von allein einfallen und keiner sich verantwortlich fühlt! Sachsen-Anhalt schmückt sich ­offiziell mit den meisten Weltkulturerbestätten, und dann kriegen sie es nicht hin, das, was sie haben, wenigstens ­notdürftig zu erhalten. Das finde ich krass.

 

ARTMAPP: Wie erklärst du dir das?

MG: Historisch war hier immer fruchtbares Land mit vielen Bodenschätzen. Das heißt, große Monokulturen und viel ­Industrie: Zucker, Braunkohle, Chemie, viele zugezogene ­Arbeiter. Bei denen hat das Denken an der Wohnungstür ­aufgehört, keiner hatte irgendeinen Bezug zu der Gegend, ­immer gab es Fluktuation. Das liebe ich auch irgendwie, diese ­Rauheit der Region: eine ganz ehrliche, brutale Landschaft. Aber zugleich ist es manchmal schwer auszuhalten.

 

ARTMAPP: Halle gehörte doch einmal zum Herzland der kulturellen Moderne in Deutschland, zusammen mit Magdeburg, Breslau, Chemnitz, Weimar, Dessau, Dresden ...

MG: Ja, wenn man sich die Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle 1925 anschaut und sie mit dem Bauhaus vergleicht, sind die Unterschiede gar nicht gravierend. In ­Halle war man mit der Künstlerausbildung von Gerhard ­Marcks vielleicht etwas bodenständiger und das Bauhaus in der ­Konsequenz etwas radikaler, aber es gab es viele Überschneidungen. Aber dass man das mit dem Bauhaus in diesem Jahr so touristisch ausschlachtet und massiv investiert in Bauhaus-Museen, anstatt das kulturelle Erbe in der Provinz zu pflegen, das finde ich ziemlich verfehlt. Sie wollen damit ­etwas für den Massentourismus tun, dabei ist das Bauhaus doch nur für ein ganz kleines, elitäres Publikum. Das wird der Region auch nicht helfen auf längere Sicht.

 

ARTMAPP: Aber Halle ist nach wie vor „Deine“ Stadt?

MG: Ich kenne ja inzwischen ganz Deutschland, und was Halle sich bewahrt hat, ist in jedem Fall, dass die soziale Schere hier viel weniger auseinanderklafft als woanders. Da gibt es immer noch Kneipen, wo auch Leute miteinander können, deren Sozialleben sich nach der Wende völlig entgegengesetzt entwickelt hat. Das ist an Halle das besonders Angenehme.

 

 

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7/2019

 

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