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Rosilene Luduvico & Luzia Simons

 

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Rosilene Luduvico & Luzia Simons

Natur und Landschaft, Garten und Träume

Der italienische Lyriker und Humanist Francesco Petrarca hatte am 26. April 1336 zusammen mit seinem Bruder und zwei Freunden „lediglich aus Verlangen“, also nur zum ­eigenen Vergnügen, den Mont Ventoux in den proven­zalischen Voralpen bestiegen. Den „windigen Berg“ bis zum Gipfel zu erklimmen und über diese Wanderung (die Blickachsen, die neuen Perspektiven, die eigene Bewusstseinserweiterung und die körperliche Anstrengung) Zeugnis abzulegen, sollte tatsächlich sehr nachhaltig wirken: Fortan nämlich durften allein Neugier und „interesseloses Wohl­gefallen“ (wie Kant dies in Bezug auf den Begriff des Schönen später nennen ­sollte) das Naturerleben leiten. Petrarcas Bericht seiner Besteigung des Mont Ventoux gilt als die erste überlieferte Darstellung einer freiwilligen Bergbesteigung.

 

Die betrachtende Zuwendung hat aus der Natur die Landschaft gemacht. Denn erst die Entfernung von der Natur ermöglichte überhaupt den Blick auf diese. Das bukolische Arkadien, die elysischen Gefilde, das Paradiesgärtlein – all das sind glückverheißende utopische Orte und uralte Menschheitsträume. Baum, Quelle, Berg, Wiesen, Hirte und Herde, Blumen und Früchte sind das Repertoire dieser Plätze. Die liebliche Idylle überhöht die Wirklichkeit und verheißt ein von Sorgen und Nöten freies Leben. Was der Mensch auch je von der Natur erwartet, sie scheint die Verheißung des glücklichen Lebens schlechthin zu sein.

Die wunderbar heilsame Wirkung von Natur, die Nahrung, die sie ist, der Trost, den sie spendet, all die guten Eigenschaften und Emotionen, die sie freisetzt, stehen außer Frage. Und dass die Menschen immer schon das Bedürfnis verspürt ­haben, darauf in Wort und Bild hinzuweisen, sie zu loben und zu preisen, ist verständlich. Sie war ein zen­traler Teil des ­Daseins und der Daseinssorge. Zuweilen ist sie freilich auch bedrohlich.

 

Der Schritt aus der Mühsal des Alltags ist zugleich der Schritt hinaus und hin zur Natur. Und sucht man nicht im ­feiertäglichen Gefühl beim Lustwandeln im Museum ganz ähnlich wie im Park eine Überhöhung des banalen Alltags? Kein Wunder, dass auch oder vielleicht sogar vor allem die Künstlerinnen und Künstler irgendwann die ­Natur ins Spiel brachten. Die Tradition der künstlerischen Auseinander­setzung mit Natur und ihrer domestizierten Cousine, der Landschaft, reicht so weit zurück wie überhaupt jegliches Menschenwerk. In den Höhlenmalereien waren es die gejagten und zu jagenden Tiere, die magisch beschworen und im Bild gebannt wurden. Die kleine Welt des täglichen Hungers verschmolz in diesen Wandzeichnungen mit dem Zauberglauben an das unbegreiflich immaterielle Vermögen des Bildes. Die Idee des Schöpfergottes und des Schöpferkünstlers fließen oftmals ineinander.

 

Wie aber gehe ich um mit der ernüchternden Gewissheit, dass neben der liebevollen auch die pragmatische, gewinnorientierte, hedonistische, gar gewalttätige Zuwendung zur Natur schlechterdings gar nie aufgehört hat? Dass gerade heute die selbstverständlichste Weise, mit Natur umzugehen, ihre Ausbeutung ist? Warum kann der Mensch nicht aufhören, sich an ihr zu vergreifen?

 

Auch heute noch beschäftigt sich die Kunst mit der ­Natur, ihrem Zauber und ihrer Verletzlichkeit.

 

ARTMAPP stellt zwei Künstlerinnen vor, die − beide in Brasilien geboren − einen gänzlich unterschiedlichen Blick auf die Natur haben. Oder zumindest in ihren Bildern auf ­unterschiedliche Spielarten von Natur verweisen.

 

 

Rosilene Luduvico

Die Flüchtigkeit des Lebens I

 

Die große Bildtafel „Todos os passaros para TM“ ist mit ihren 210 x 620 Zentimetern ein Riesenwerk – und doch kommt es leicht und spielerisch daher, schwebend fast. Die dürren Ästchen, die kleinen bunten Vögel, fliegende Federn und Blätter, kleine Farbschlieren ... Das Ephemere, Vergängliche, Verblassende fasziniert die Künstlerin seit jeher. Ihre Arbeiten sind intensiv, als würden Naturelemente in ihnen wirken: Da weht ein Wind, das Wasser rinnt, die Luft flirrt im Sonnenlicht.

 

Rosilene Luduvico (* 1969) malt und zeichnet mit Öl auf pastellfarbenem Kreidegrund, malt in Freskotechnik auf die Wand. Zart und schön und kaum festzuhalten scheinen die Gestalten und vor allem die Farbfelder auf der Bild- oder Wandfläche zu schweben wie Luftspiegelungen einer Fata Morgana oder die blassen Erinnerungen an längst Vergan­genes. Blüten und kahle Ästchen, schlafende Frauen, Melancholie und kleine Tiere. Farbverdünner hilft ihr, die lichten Stimmungen ihrer Malerei zu dieser je besonderen ­Atmosphäre von absoluter Ruhe zu verdichten. Als würde ein Nebel alles einhüllen und nie mehr loslassen wollen. Dann wieder glüht die Farbe, leuchtet, heizt den ganzen Raum auf. Bunte Samenkapseln, im Rund auf die Wand geklebt, er­zählen vom Anbeginn des Lebens, vom Sich-Entfalten, vom Wachsen und auch davon, wie alles wieder vergeht.

 

Die Bilder der in Brasilien geborenen und aufgewachsenen, heute in Düsseldorf lebenden Künstlerin handeln mitunter auch von einsamen kargen Landschaften, in denen man sich verlieren kann, beschreiben Gegenden, in denen große kahle Felsen aufragen oder einzelne dürre Bäume um ihr Leben kämpfen. Von den kleinen Blüten und Zweigen geht ein leises Raunen durch die fragmentierte Natur, als würden sie ein Geheimnis hüten. Der Klang der Bilder wickelt einen sachte ein, und ehe man sichs versieht, haben diese leichten, zarten ­Kompositionen ihre gar nicht so zarte Sogwirkung entfaltet. Die fragilen Momente der Schönheit entziehen sich sanft und bestimmt zugleich. Die Menschenbildnisse sind ­Porträts, wirkliche Menschen also … und doch bleiben sie in ihrer ­abstrahierenden Vagheit immer ein wenig entrückt. Die pflanzliche und tierische Natur jedenfalls scheint lebendiger zu sein.

 

Vom 20. Januar bis 15. März stellt Rosilene Luduvico ­gemeinsam mit dem Keramikkünstler Johannes Nagel in der Galerie Zink in Waldkirchen aus. Alabaster heißt die ­Aus­stellung und spielt so schon im Titel sowohl auf die ­Ma­terialqualitäten des mineralischen weißlichen Gipses der Skulpturen Nagels an als auch auf die anschaulich-ästhetische Wirkung des Materials, mit dem Rosilene Luduvico ihre ­Bilder grundiert und das allenthalben durchscheint. An dieser Stelle setzt der Dialog der Objekte mit den Bildern an: Auch sie erscheinen warm, leicht, verletzlich, weich und durchscheinend. Vergänglich. Wie das Leben. Die Natur.

 

 

Luzia Simons

Die Flüchtigkeit des Lebens II

 

Ganz anders die farbstarken, zum Teil gar übervollen Bilder der Künstlerin Luzia Simons (* 1953), die in ihrer barocken Pracht jedem niederländischen Stillleben Konkurrenz machen könnten. Da blühen prunkvolle Blumen in den sattesten Farben vor dunklem Bildgrund, hängen die reifen Früchte, da dehnen sich Fülle und Überfluss … Wahrhaftig ein Augenschmaus, ein feierliches Sich-Hingeben an die Farb- und Formgewalt der Natur, einer Natur freilich, die längst domestiziert ist und sich im Leben der Menschen und auf den Bildern Luzia Simons in ihrem langsamen Sterben in Szene setzt.

 

Eine machtvolle Natur läuft zu Höchstform auf. ­Kleines Getier krabbelt durch die Gräser, manches Blatt ­beginnt langsam schon zu modern, die Ränder wellen sich in einem letzten Aufbegehren. Ja, Stillleben sind immer auch Vanitas, Bilder der Vergänglichkeit und Mahnung an die ­Menschen. Manche von ihnen sehen allerdings aus, als ­würden die Pflanzen aufgereiht daliegen, um katalogisiert zu werden, als sollten die Blumen in einen geordneten Zusammenhang gebracht werden, archiviert und systematisiert. Ein Versuch, sie mit der Ordnung ein bisschen zu zügeln und zu lenken? Ein Ansatz, sich von der leidenschaftlichen Sinn­lichkeit der Pflanzen nicht gänzlich hinreißen zu lassen?

 

Oder doch eher eine Erinnerung daran, dass Blumen, in dem Fall Tulpen, schon im 17. Jahrhundert ein Spekulationsobjekt waren, was schon seinerzeit zu geopolitischen Zerwürf­nissen in einer sich damals bereits langsam globalisierenden Welt führte.

 

Mit ihren Tulpenbildern ist Simons bekannt ge­worden, jenen Bildern also, die einen kulturhistorischen sozialen ­Hintergrund des scheinbar so harmlosen Genres Blumenstillleben in sich tragen. Die intensiven Scano­gramme sind ein digitales Zwitterwesen aus Malerei und Fotografie und vielleicht gerade deswegen scheinen sie trotz ihrer greifbaren Opulenz so unfassbar. Wie bei Hinter­glasmalereien muss die Künstlerin auch bei diesen Tafeln gewissermaßen von der anderen Seite her, nämlich von hinten nach vorne arbeiten.

 

Die heute in Berlin lebende Künstlerin scheint mit ­ihren Bildern lautstark auf die Fülle und barocke Ergriffenheit niederländischer und flämischer Meister zu antworten. Ein nachhallendes Echo.

 

Katja Behrens

 

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3/2020

 

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