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ANGELA GLAJCAR

 

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Angela Glajcar

Terforationen

MARC PESCHKE sprach mit ANGELA GLAJCAR

Es ist nicht eben einfach, in der bildenden Kunst einen Ausdruck zu finden, den der Betrachter sofort als originär und ungesehen begreift. Der 1970 in Mainz geborenen Bildhauerin Angela Glajcar, die an der Akademie in Nürnberg bei Tim Scott studiert hat und in Rheinland-Pfalz lebt, ist das zweifellos gelungen. Nach Anfängen im Bereich der Holz- und Metallskulptur ist sie mit ihren teils auch monumentalen Papier­staffelungen, die sie „Terforationen“ nennt, international bekannt geworden. „Damit spielt die Künstlerin auf den Begriff Terra incognita (unerforschtes Land; figurativ: Neuland) an, um deutlich zu machen, dass es in ihrer Arbeit um die Erkundung unerforschter Gebiete geht.“ (Sasa Hanten-­Schmidt, Herausgeberin des Werkverzeichnisses)

 

Die Hinwendung zum Werkstoff Papier, die Erforschung dieser Terra incognita in den späten 1990er-Jahren, führte bald zum Erfolg: 2005 gewann die Künstlerin den renommierten Emy-Roeder-Preis, im Jahr darauf den PHÖNIX Kunstpreis, 2021 den Berliner Paper Art Award – die „Terforationen“ sind in vielen Galerien und Museen im In- und Ausland zu sehen und werden von bedeutenden Sammlungen angekauft. Oftmals erschafft Glajcar ihre Objekte für den jeweiligen Raum, kreiert also ortsbezogene Installationen, wie Ausstellungen im National Museum of Women in the Arts in Washington, im Powerlong Museum Shanghai oder auch im Museum Wiesbaden zeigten.

 

Ihre Arbeit mit geschichteten, mit wenigen Zentimetern Abstand im Raum installierten, vormals zweidimensionalen Papierbögen, in die sie eingreift, die sie einreißt und dadurch Tiefe und neue Räume schafft, hat einen filigran-kunstvollen, aber auch archaischen Charakter. Der Betrachter assoziiert Höhlen, assoziiert auch Farbe, denn das Papier nimmt die ­Farbigkeit der Umgebung auf. Zudem sind die Objekte sehr bewusst dem immateriellen Spiel von Licht und Schatten ausgesetzt. Dabei angestrebt ist eine Veränderung des Raums: „Mich interessieren Räume, auf die ich mit meinem Werkstoff Papier direkt reagieren kann, und die ich verändern kann“, so hat es Angela Glajcar einmal formuliert.

 

ARTMAPP: Wie planen Sie Ihre monumentalen Installationen?

Angela Glajcar: Sehe ich einen großen neuen Raum, dann ­fühle ich die Skulptur schon. Bis die Arbeit real ist und für andere sichtbar und fühlbar, sind Zwischenschritte nötig. Das liebe ich an meiner Arbeit, dass viele Fähigkeiten ständig gefordert sind. Zunächst erarbeite ich ein 3-D-Modell. So kann ich den umgebenden Raum der Installation genau erforschen und die Skulptur planen, bis das räumliche Konzept stimmig ist. Die professionelle Visualisierung ist wichtig auch für ­andere Beteiligte wie Statiker und Metallhandwerker und nicht zuletzt die Auftraggeber wie Privatleute oder Museen. Dieser kommunikative Prozess ist mir wichtig. Es ist sehr bereichernd zu spüren, was die Menschen von der Intervention erwarten und erhoffen.

 

ARTMAPP: Sehen Sie Ihr Werk kunsthistorischen Strömungen verpflichtet?

AG: Interessant, dass Sie das fragen. Denn gerade eben habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Innenansicht ganz anders sein kann als die Wissenschaft mein Werk betrachtet. An der Universität in Wien ist eben eine Arbeit entstanden, wo ich kunsthistorisch verortet werde. Ich selbst sehe mich in der Tradition abstrakter Bildhauerei und meine Haupt­themen sind Gleichgewicht und Raumkonzept. Meine Arbeitsweise empfinde ich als analytisch. Von außen wird meine Arbeit wegen des Materials als zart und poetisch beschrieben auch im monumentalen Format, was ich mir gern gefallen lasse. Viele Strömungen werden von außen auf mich bezogen benannt, die angeblich eine Rolle bei mir spielen. Mir ist es wichtig, dass ich Räume verändere oder besser: ihr Potenzial akzentuiere.

 

ARTMAPP: Eine neue Serie heißt „Torn Portrait“. Um was geht es dabei?

AG: Meine Serien entstehen für mich ganz natürlich aus ­Arbeitsprozessen heraus. Ich bin sehr froh, dass man das in meinem Werkverzeichnis so gut nachvollziehen kann. Im neuen Jahr erscheint das neue Werkverzeichnis, das auch die letzten zehn Jahre meiner Arbeit umfasst und immer, wenn ich so durchgehe, freue ich mich, dass für mich die Ent­wicklung stringent ist. Das Archivieren der ersten „Contrarius“-In-situ-Installationen war der Ausgangspunkt für die Entwicklung der Serie „Terforation“. Für mich ist das wie eine Wortschatzerweiterung. Serien sind nicht zu Ende, sondern bedingen einander und werden dichter miteinander vernetzt. Die Fotodokumentationen meiner gerissenen ­Arbeiten führten zu „Torn Portrait“. Bei der Serie sind Collagen aus vergrößerten Risskantenfotos mit realen Risskanten kombiniert. Die Arbeiten sind flach wie ein Tafelbild und ­haben trotzdem die räumliche Tiefe, die mich interessiert. Ein Initial für die Serie war, dass ein Sammler sagte, er sei nicht schwarz oder weiß wie meine Arbeiten, sondern grau. Das ­beschäftigte mich, denn die Schatten der Arbeiten wirken manchmal grau. Der Bezug zu einer Persönlichkeit interessierte mich. Obwohl meine Arbeiten nicht gegenständlich sind, gibt es bestimmt wiederkehrende Assoziationen. ­Meistens denkt man bei meinen Arbeiten an Landschaften. Dass meine Arbeiten als Psychogramme gelesen werden können, das zündet bei mir, denn meine Arbeiten sind ambivalent wie Menschen.

 

ARTMAPP: Sie haben auch Arbeiten aus Glasgewebe geschaffen, wie etwa in der KunstKulturKirche Allerheiligen in Frankfurt am Main. Was unterscheidet die Arbeit mit Glasgewebe von der mit Papier?

AG: Zunächst einmal brennen sie nicht. (lacht) Wir leben in einer verrechtlichten Welt. Für manche Gebäude, zum ­Beispiel eine Schule oder eine Feuerwehr, musste ich ein ­Material verwenden, das erlaubt ist für den Raum. Das Glas­gewebe erwies sich als Glücksfall für das Ausweiten meiner Ausdrucksmöglichkeiten. Es ist noch leichter als Papier, transluzent und weich wie Stoff. Dieses Gewebe kann man nicht reißen, aber ich nutze die gewebte Gitterstruktur und öffne das Material durch das Herausnehmen von Fäden. Die ­ver­bleibenden Kett- oder Schussfäden entscheiden über die Form, die die Bahnen im Raum einnehmen. Auch dieses − wie Papier − zweidimensionale Material kann im Raum erstaun­liche Volumina entwickeln – immer wieder überraschend und, ja, fast berauschend schön wie Wasserfälle. Der Eindruck entsteht dadurch, dass in den Innenräumen Fäden bleiben. Es entstehen geschichtete Schraffuren von senkrechten und waagerechten Fäden, die miteinander korrespondieren. Der Blick in die Tiefe ist wie in ein mysteriöses Gespinst. Die Arbeiten sind für mich leiser als die Papierarbeiten, weil sie eben keine Risskanten haben. Diese andere Tonart in meinem Werk mag ich.

 

ARTMAPP: Sie haben in einem Interview einmal über Ihr Interesse an der Kunst von Eva Hesse ­gesprochen. Was fasziniert Sie an diesem Werk? Ist es die Idee des Zerreißens und neu Zusammensetzens?

AG: Oh ja, Eva Hesse steht für viele Aspekte in der Kunst, die mir wichtig sind. Denn ihre gewagte und unkonventionelle Art, Materialien zu nutzen, zusammenzuführen und etwas ganz Neues daraus zu schaffen, ist bis heute absolut anziehend. Im spielerischen Umgang mit Material ist Eva Hesse für mich unbedingt ein Vorbild. Wie spannend wäre es gewesen, sie kennenzulernen. Nun bin ich stolz und glücklich, dass ich im Museum Wiesbaden, wo Eva Hesses Werkverzeichnis von Renate Petzinger erarbeitet wurde und viele Werke von ihr beheimatet sind, seit ein paar Jahren selbst eine permanente Großinstallation haben darf.

 

ARTMAPP: Treffen Ihre Werke – über ihr Sein an sich hinaus, über Leichtigkeit und Schwere, Ruhe und Bewegung, Materialität und Im­materialität – eine Aussage?

AG: Gegenfrage: Ist es denn überhaupt möglich, dass Kunstwerke keine Aussage treffen? Ist es nicht vielmehr so, dass wir immer für uns relevante Themen in unsere Umgebung und damit eben auch in die uns umgebende Kunst hinein­interpretieren? Zuletzt hatte ich den Eindruck, dass meine jahrzehntelange Beschäftigung mit Raum seismografisch aufgenommen hat, was durch die Pandemie für jedermann greifbar wurde. Ist Raum um uns Freiraum und Schutzraum, auch Spielraum, oder ist Raum kalt, unbelebt oder sogar verboten oder umkämpft? Eine gelungene Arbeit definiere ich für mich so, dass man Raum spürt und erlebt, dass Raum immer eine Wirkung hat, auch und gerade der Zwischenraum.

 

ARTMAPP: An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?

AG: In diesem Jahr stehen viele Ausstellungen an, teilweise wird durch die Pandemie Aufgeschobenes nachgeholt wie in Schanghai. Zuletzt habe ich in Hanji ein neues Papier entdeckt, das zwischen Papier und Stoff ist. Mit diesem neuen Material arbeite ich derzeit verstärkt. In Schanghai kann ich etwas davon zeigen. Mit meinen Arbeiten besetze ich oft Räume, die andere Künstler nicht brauchen wie den Luftraum unter der Decke oder Treppenhäuser. Für die Ausstellungen in London und New York muss ich Lösungen finden, bei denen ich nichts von der Decke abhängen kann, weil es nicht möglich oder nicht erlaubt ist. Mein Thema Gleichgewicht wird also in diesem Jahr besonders gefragt sein, denn wenn man nicht einfach von oben abhängen kann, wird das Pas de deux mit der Schwerkraft noch spannender. Auf diesen Tanz mit der Schwerkraft freue ich mich!

 

www.glajcar.de

 

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11/2022

 

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