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Gerhard Richter

 

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Der bekannteste deutsche Künstler feiert 90. Geburtstag

Onkel Gerhard

Zwei Ausstellungen in Berlin und Dresden

nähern sich dem privaten und künstlerischen

Selbstverständnis Gerhard Richters

mit Einblicken und Materialien, die selten

in so konzentrierter Form versammelt sind.

Die Ausstellung in Gerhard Richters Geburtsstadt Dresden wirkt wie eine Abschiedsgeste: ein großes melancholisches Memento mori, von ihm selbst zusammengestellt mit ­vielen privaten Anspielungen, die nur ein kleiner Kreis ­enger ­Vertrauter zu lesen vermag. Darin besteht zugleich ihre ­öffentliche Botschaft.

 

Im Glasrahmen des wie eine unscharfe Fotografie gemalten „Schädels“, der zu einer Serie mit Vanitas-­Stillleben von 1983 gehört, soll sich auch das Antlitz des Betrachters spiegeln und so die ungefähre Vorahnung des Endes teilen. Richters dunkel-schlieriges Selbstporträt von 1996, eigens aus dem New Yorker MoMA entliehen und Zeugnis einer privaten Umbruchsituation, nimmt jene Vorahnung mit einem fast erschrockenen Blick in die Zukunft auf. Dass Richter sein offiziell letztes ­Gemälde, das vor allem in Grün-, Blau- und Violetttönen gerakelte „Abstrakte Bild“ von 2017, an die Stirnwand des letzten der insgesamt drei Säle wie einen optischen Fluchtpunkt hat hängen lassen, bildet mit Ahnung und Mahnung den pas­senden Dreiklang.

 

Im Raum mit den figürlichen Bildern wiederum ­hängen ­neben Landschaften vor allem kleinformatige Fa­milien­porträts seiner jüngsten Kinder im Säuglingsalter. Symbolisch rundet sich neben den Naturbildern so der ewige Kreislauf von Werden und Vergehen – eigenartig kontrastiert durch ein großes „Grau“-Bild von 1976, das unter den figür­lichen ­Motiven eigentlich gar nichts zu suchen hätte. Doch gegenüber den entrückten Ansichten der blühenden Natur wirkt es wie ein Meditationsbild, das das Lebendige in monochrome Zeit­losigkeit transzendiert. Die Landschaften, die für pri­vateste Erinnerungsmomente stehen, demonstrieren das wortkarge öffentliche Für-sich-sein-Wollen des Malers. Selbst Richters Glasarbeiten, an Reduktion und Aussagelosigkeit kaum zu übertreffen wie die „9 stehenden Scheiben“ von 2002/2010, markieren nun zusammen mit den großen, einander ge­genüber platzierten „Spiegeln“ aus Kristallglas von 1989 den Übergang in die immaterielle Unendlichkeit.

 

So sakral und getragen wie in Dresden geht es in der Geburtstagsausstellung der Berliner Kunstbibliothek in der Neuen Nationalgalerie glücklicherweise nicht zu. Anhand von Richters Künstlerbüchern sucht sie seiner Selbstreflexion des künstlerischen Tuns näherzukommen. Alles ist klein­teilig nicht nur wegen der kleinen Exponate, der Skizzen, Leporellos, Fotografien und Bücher – die Zusammenstellung konzentriert sich auf den Kern von Richters Selbstbild von seinen Anfängen in der alten Bundesrepublik an. Nur ein ­großes Gemälde, das abstrakte „Atelier“ von 1985, deutet die Größe des Werkes an.

 

Seine Selbstinszenierung hat Richter demnach als Künstler früh zur Distanzierung von seiner öffentlichen ­Rezeption ­genutzt. Einem Brief an den Ausstellungskurator Wulf ­Herzogenrath für ein Buch über künstlerische Selbstdarstellung legte er statt des erbetenen Selbstporträts eine Aufnahme des Hausmeisters der Düsseldorfer Kunstaka­demie bei. ­Umgekehrt zeigt sich in der eigenen fotografischen Dokumentation seiner künstlerischen Arbeit Richters starkes Ringen um sein öffentliches Bild, das er dann, wie im berühmten „Atlas“, auf sein privates und familiäres Umfeld ausweitet, um sich so erkennbar von Narrativen des Persön­lichen in der Öffentlichkeit zu lösen. Dass er sich selbst als Bildermacher, nicht als Maler bezeichnet, unterstreicht diese eigentümliche Interpretation von künstlerischer Autonomie in einer Welt, in der zunehmend alles mit allem vernetzt ist und der „Tyrannei der Intimität“ (Richard Sennet) unterliegt.

 

Bemerkenswert ist dabei der – vermeintliche – Kontrast zwischen dem Maler, der in seinem Werk so oft das Zufällige und Widersprüchliche zelebriert, und dem Künstler als ­Ku­rator in eigener Sache, der mehr oder weniger nicht das Geringste dem Zufall überlässt, wenn es darum geht, subtilen Einfluss auf die ­Lesarten seines Werkes zu nehmen. Es gehört zu den Eigenarten des zeitgenössischen Museumsbetriebes, dass man ihn in seinem Kontrollbedürfnis gerade in öffentlichen Insti­tutionen so umfangreich gewähren lässt. Auch wenn die Berliner ­Ausstellung von Michael Lailach kuratiert wurde und nicht von Gerhard Richter selbst: Die Materialien, etwa aus dem Dresdner Richter-Archiv, auf die die Berliner Aus­stellung unter anderem zurückgreift, wurden sorgsam durch den Künstler vorselektiert, nicht durch unabhängige Forschung. Wie das Zufällige in seinem Werk offenkundig die Spuren des Per­sönlichen ­verwischt, so wenig zufällig ist das Bild des Nachruhms ­zusammengesetzt, um das Richter sich seit ­geraumer Zeit bemüht.

 

Sowohl in Berlin wie in Dresden fällt auf, wie vertraut Richter in seiner onkelhaften Verschmitztheit und der Anblick seiner Bilder geworden sind. In Dresden bekennt Dietmar Elger, ­Leiter des Richter-Archivs im Albertinum, man habe lange überlegt, was man anlässlich des Geburtstages überhaupt ­zeigen könne, schließlich gäbe es ja schon alles. Zu ergänzen wäre: Die kritische Diskussion dieses Werkes in großen ­Museen, die für jeden anderen Künstler eine ehrenvolle ­Würdigung bedeuten würde, laviert bei Richter nach wie vor an den roten Linien entlang, die er selbst gesetzt hat. Ein solch spezielles Verständnis von Künstlerautonomie trifft fraglos einen Nerv der Zeit, in der das Bedürfnis nach Anerkennung und konservativen Werten mindestens ebenso groß ist wie das nach Distanz und Selfmade-History. Als Zeitgenosse par excellence, den jeder zu kennen glaubt und der in seiner ­Malerei sogar wieder die Zeitgeschichte gültig ins Bild setzen darf, wird sein Werk wohl erst in ferner Zukunft mit der ­Distanz betrachtet werden, die in ihm selbst angelegt ist und die ihm gebührt.

 

Carsten Probst

 

 

Gerhard Richter wurde am 9. Februar 1932 in Dresden ­geboren; er studierte von 1951 bis 1956 an der Hochschule für Bildende Künste in seiner Heimatstadt. 1961 begann er ein zweites Studium an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Von 1971 bis 1994 unterrichtete Richter ebenda als Professor für Malerei. Seit 1983 lebt und arbeitet Gerhard Richter in Köln. Das Gerhard Richter Archiv bei den Staat­lichen Kunstsammlungen Dresden gibt es seit 2006.

 

Bis 1. Mai 2022

Gerhard Richter. Portraits. Glas. Abstraktionen

Albertinum Staatliche Kunstsammlungen Dresden

 

Bis 29. Mai 2022

Gerhard Richter. Künstlerbücher

Neue Nationalgalerie, Berlin

 

Bis 24. April 2022

Gerhard Richter. Birkenau-Zyklus, Zeichnungen, Übermalte Fotos

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K21, Düsseldorf

 

Bis 1. Mai 2022

Sammlungspräsentation zum 90. Geburtstag von Gerhard Richter

MUSEUM LUDWIG, Köln

 

www.gerhard-richter.com

 

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3/2022

 

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