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Siegfried Sanders Weg aus Gelsenkirchen über Kassel nach Hamburg

fluxus zone west

Ein genialer Kunstlehrer am Gelsenkirchener Gymnasium, die prägende Begegnung mit Joseph Beuys, die Anfänge der GRÜNEN und die eigene Karriere als Galerist. Nicole Büsing und Heiko Klaas trafen sich zum Gespräch mit dem charismatischen Künstler und Kunsthändler Siegfried („Sigi“) Sander in seiner Hamburger Galerie MULTIPLE BOX.

 

www.multiple-box.de

 

 

ARTMAPP: Sigi, du hattest das Glück, mit dem Beuys-Meisterschüler Johannes Stüttgen einen ganz ­besonderen Kunstlehrer gehabt zu haben, der mit euch ­beispielsweise Plakate druckte …

Siegfried Sander: Ihr spielt auf das heute sehr bekannte und gesuchte Beuys-Plakat „EUROPAWAHL DIE GRÜNEN“ an. Das war das erste Plakat, das wir gedruckt haben, heimlich, von Hand auf der Schulsiebdruckanlage. Wir gehörten 1978 zu den Gründungsmitgliedern der GRÜNEN und als die 1979 zum ersten Mal zu einer Wahl antraten, brauchten wir ­Werbematerial. Da kein Geld da war, haben wir alles selber ­gemacht mit dem, was da war. Anfang der 1970er-Jahre war Johannes Stüttgen auf Empfehlung seines Vorgängers Franz Joseph van der Grinten als Kunsterzieher an unsere Schule, das städtische Grillo-Gymnasium in Gelsenkirchen, gekommen. Wir haben bei ihm eine sehr umfangreiche, fast akademische Ausbildung bekommen.

 

ARTMAPP: Was war er für ein Typ? Offenbar verkörperte er für euch den Duft der ­großen weiten Welt …

SS: Soweit ich mich erinnere, war er der erste junge Lehrer im Kollegium. Stüttgen war äußerlich ganz der Typ Rocker, schwarze gegelte Haare, Brille, Jeans und Lederjacke. Anfangs kam er jeden Tag aus Düsseldorf, das wir Jungs uns in der ­Fantasie als eine Weltstadt wie New York vorstellten. Wenn er seinem klapprigen R4 mit Knüppelschaltung entstieg, qualmte es gewaltig aus der Fahrerkabine von den vielen ­Lucky Strikes ohne Filter, die er unentwegt rauchte.

 

ARTMAPP: Also ein Lehrer, der ganz anders war als all die anderen Studienräte mit kariertem Sakko und Aktentasche unterm Arm. Und dessen Unterricht anscheinend Suchtpotenzial besaß …?

SS: Er verstand es, uns Lust auf mehr Kunst zu machen. Aus, in und um unsere KUNST-AG herum entwickelte sich eine Reihe von Initiativen und Projekten. Da war DAS ­KÜCHENTHEATER, Bands mit Namen wie DIE SALINOS, YASMINA LAX oder THE SWINGING BLUE JEANS. ­Zeitweilig gab es eine Theater- und eine Schreib-AG. Mit ­einem Freund zusammen machte ich Performances als das TAUSENFEUER-DUO. Die KUNST-AG/FLUXUS ZONE WEST, wie wir uns irgendwann nannten, wurde zu Ausstellungen, Symposien, Festivals und Konzerten eingeladen. Der WDR schickte Jean Pütz und ein Filmteam, um das seltsame Treiben bei uns zu dokumentieren, und irgendwann widmete sogar „Der Spiegel“ im fernen Hamburg der brodelnden ­Kreativität im Ruhrgebiet einen Titel.

 

ARTMAPP: 1977 hat euch Joseph Beuys zur ­„documenta 6“ nach Kassel eingeladen.

SS: Beuys hatte Menschen aus aller Welt, die sich mit ­neuen, alternativen Ideen und Methoden in Wirtschaft, Bildung, Kultur und Politik befassten, eingeladen, „documenta“-­Besucherinnen und -Besuchern ihre Projekte und Ideen unter seiner HONIGPUMPE AM ARBEITSPLATZ vor­zustellen. Das war eine freie, internationale Universität für jedermann. Zwei „documenta“-Tage lang konnten DIE ­GELSENKIRCHENER zeigen, was sie drauf hatten. Übernachtet wurde mit Schlafsäcken und Luftmatratzen in einem un­renovierten ungenutzten Teil der Orangerie. Beuys ­bekochte uns mit Eintopf.

 

ARTMAPP: Du hast auch die Anfänge der Partei DIE GRÜNEN aktiv begleitet und mitgestaltet. Wie kam es dazu?

SS: Nach der „documenta 6“ waren wir Gelsenkirchener eine Zweigstelle der FREE INTERNATIONAL UNIVERSITY / FIU, und bald darauf gründeten wir den Kreisverband ­Gelsenkirchen der SPV DIE GRÜNEN. Wir wollten Wahlplakate machen, aber niemand von uns hatte den blassesten Schimmer, wie man druckt. Wir machten wirklich alles falsch. Als wir Beuys die Plakate vorlegten, schämten wir uns in Grund und Boden. Wir fielen aus allen Wolken, als Beuys die Plakate, von denen keines wie das andere aussah, aber ­genau so richtig fand, und wir sollten sie in Zukunft bloß nicht anders machen.

 

ARTMAPP: Wie ging es dann weiter?

SS: Bis Mitte der 1980er-Jahre haben wir dann zu den Wahlen immer wieder neue Auflagen gedruckt und uns bemüht, nicht allzu gut zu werden. Als wir dann noch den Auftrag ­bekamen, die zwei Plakatvarianten von „Andy Warhol für die Grünen“ zu drucken, fühlten wir uns wie eine Außenstelle seiner New Yorker Factory.

 

ARTMAPP: Du bist also quasi durch „Learning by Doing“ immer mehr in die Produktion und ­Distribution von Auflagenkunst hineingewachsen. ­Wurden hier schon die Weichen für deine heutige Tätigkeit als Galerist der Hamburger MULTIPLE BOX gestellt?

SS: Ja, sehr wahrscheinlich ist das so. Gelsenkirchen und das Ruhrgebiet waren zu der Zeit, also in den 1970er- und 1980er-Jahren, noch sehr stark vom Bild der Arbeitenden, der einfachen Leute von der Straße geprägt, die mit dem, was man so gemeinhin Kunst und Kultur nennt, scheinbar nicht viel am Hut hatten. Wenn man aber anfängt zu graben, kommt oft Erstaunliches zutage. Das hat mich immer interessiert, jeden Menschen, wenn man so will, als Kundin respektive Kunden anzusehen. Aber nicht, um etwas zu verkaufen, sondern um dabei zu helfen, das in sich selbst zu finden, was die jeweils ­eigene, ganz spezielle Kunst ist.

 

ARTMAPP: Zurück nach NRW: Nach der Schule fandest du dich dann im „Raum 3“, dem Privat­atelier von Beuys an der Kunstakademie in ­Düsseldorf, und kurz darauf auf der „documenta 7“ in Kassel wieder. Wie kam es dazu?

SS: Niemals wäre es mir in den Sinn gekommen, bei einem anderen Künstler als Beuys zu studieren. Alle anderen empfand ich damals als reaktionär, um nicht zu sagen, als zurückgeblieben, nachdem doch nun das Zeitalter des „Erweiterten Kunstbegriffs“ begonnen hatte. Ich wollte überhaupt nicht studieren, sondern gleich loslegen mit praktischer Arbeit. Und die Dinge fügten sich ... Beuys und das Land NRW einigten sich im Rechtsstreit um seine Entlassung. Beuys bekam sein Privatatelier in der Akademie zurück, das wir dann für Aufbauarbeiten der GRÜNEN und Veranstaltungen nutzten. Ende 1981 kam Beuys in die Akademie und lud uns zur Mitarbeit an den „7000 Eichen“ ein: „Nehmt euch mal im nächsten Sommer nichts vor. Da fahren wir nach Kassel und pflanzen Bäume!“ Während der 100 Tage „documenta“ organisierte ich einen Infostand direkt neben dem ersten Baum. Wir verkauften Postkarten, T-Shirts, Buttons und von Beuys signierte Fotos und Plakate.

 

ARTMAPP: Ab 1984 gehörtest du dann zum festen Team, das für die Pflanzung und Pflege der Bäume gebraucht wurde. Beuys selbst sollte das Ende des Projekts jedoch nicht mehr miterleben …

SS: Ja, er starb im Januar 1986, fast anderthalb Jahre vor dem projektierten Ende der Pflanzungen. Als Eva und Wenzel Beuys am 12. Juni 1987 zur Eröffnung der „documenta 8“ unter den Augen der Medienleute aus aller Welt den 7.000. Baum auf dem Friedrichsplatz pflanzten und wir, die Mitarbeitenden von „7000 Eichen“, ihnen dabei assistierten, waren alle Schwierigkeiten und Probleme vergessen. An diesem einzigartigen Kunstwerk mitgewirkt zu haben, war der größte Lohn.

 

ARTMAPP: Beuys hat dich bis heute nicht losge­lassen. Zurzeit bist du stark in die Vorbereitung der Ausstellungen „Joseph Beuys. Plakate. Multiples.“ in der Kunsthalle der Sparkassenstiftung Lüneburg (9. Mai bis 1. August 2021) und „Die Unsichtbare Skulptur. Der Erweiterte Kunstbegriff nach Joseph Beuys“ auf der Zeche Zollverein in Essen (10. Mai bis 26. September 2021) eingebunden. Was genau wird dort jeweils zu sehen sein? Und welche Rolle spielst du als unmittelbarer ­Zeitzeuge und Leihgeber?

SS: Die Ausstellungen werden natürlich von den verantwortlichen Kuratoren gemacht. Ich bin als Zeitzeuge, Berater, Vermittler und Zulieferer dabei und bin wie alle anderen ­gespannt auf das fertige Ergebnis. In der Lüneburger Kultur­bäckerei werden die Plakate von Beuys wie ein roter Faden durch die Ausstellung führen, und in Essen spielt natürlich das Ruhrgebiet im Werk von Beuys eine Rolle. Darf ich hier auch etwas Eigenwerbung machen? Ab Mai zeige ich in ­meiner Hamburger MULTIPLE BOX eine Auswahl der Beuys-Porträts des Berliner Fotografen Michael Ruetz, der Beuys in seiner frühen Zeit über viele Jahre intensiv beglei­tete. Zusammengestellt hat sie mein Kölner Kollege Franz van der Grinten, dessen Vater Franz Joseph mein allererster Kunst­erzieher am Grillo-Gymnasium war. So schließt sich der Kreis.

 

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4/2021

 

 

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