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Peter Weibel

 

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Peter Weibel zeigt mit unbändigem Mut und tiefer ­Überzeugung seit seinem Antritt in Karlsruhe ­Ge­schichte schreibende Ausstellungsexperimente: „global aCtIVISm“, „Open Codes“, „The global ­contemporary“, „Lichtkunst aus Kunstlicht“ u. a. m. sind Alleinstel­lungsmerkmale in der bundesrepu­­blikanischen Museumslandschaft. Sein Glauben an das aktiv beteiligte Publikum ist unerschütterlich und entspringt seinem wissenschaftsgeprägten und künstlerischen Denken. Für mich eine unverzichtbare intellektuelle wie sinnliche Bereicherung meines ­Lebens, für Karlsruhe ein Glücksfall.

 

Dr. Henning Rickmann, Vorsitzender der Fördergesellschaft ZKM / HfG

Künstler, Kurator, Direktor – Peter Weibel im Gespräch

„Im Gefängnis von Raum und Zeit“

Am 7. Juni 1968 nahm Weibel an der Aktion ‚Kunst und Revolution‘ in einem Hörsaal der Universität Wien teil, wo er mit einem brennenden Handschuh einen Vortrag (Schimpftirade) gegen die damalige Regierung hielt. Der Vortrag trug den Titel ‚Was tun?‘, in Anlehnung an die berühmte gleichnamige ­Lenin-Schrift. Die Aktion war einer der Höhepunkte der ­Studentenbewegung 1968 in Österreich“ … so liest sich ein Eintrag bei Wikipedia und macht deutlich, dass die Grund­lagen für eine derartige „Brandrede“ in unserer Gesellschaft immer noch vorhanden sind.

 

Man fragt sich, wer ist dieser Peter Weibel (* 1944), der nach einem rebellischen Künstlerleben den Wiener Aktio­nismus prägte und sich fortan dorthin bewegte, wo in der Welt neue Feldforschungen zu Medientheorie und -praxis ent­standen? Seit 20 Jahren ist er Leiter des ZKM und hat mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zahlreiche inter­national beachtete Ausstellungen kuratiert, ununterbrochen pub­liziert und zusätzlich die Leitung externer Projekte ­verantwortet, dabei das ZKM als das viertwichtigste Museum der Welt etabliert usw. Der Weibel’sche Kosmos fungiert in erster Linie als nie stillstehender Wissensgenerator, dessen Erkenntnisse im Bereich medialer Kunst, Technik und ­Wissenschaft permanent nach Ausdrucks- oder Präsen­tationsformen verlangen. Seine Galeristin Anita Beckers, die über Jahrzehnte sein Werk und sein Wirken verfolgt, sprach für ARTMAPP mit ihm.

 

ARTMAPP: Lieber Herr Weibel, hier ist nicht der Platz, um ein Potpourri Ihres Schaffens zu feiern, sondern einfach einmal nachzufragen, ob Sie sich persönliche Ziele gesetzt haben, deren Verwirklichung Ihnen am Herzen liegt?

Peter Weibel: Der persönliche Timeslot jedes Menschen ist angesichts der vergangenen 15 Milliarden und der noch vor uns liegenden 30 Milliarden Jahre des Kosmos unerheblich, gleich Null. Wegen dieser unvorstellbaren Unwahrscheinlichkeit der persönlichen Existenz will jedes Lebewesen in seinem Leben so viel wie möglich erleben. Wir Menschen ­haben unsere eigene Kulturtechnik erschaffen, von der Schrift bis zum Bewegtbild, um die natürlichen Grenzen von Raum und Zeit zu überwinden. Mit Romanen und Filmen, mit Texten und Tönen, mit Bildern und Daten können wir die Vergangenheit vergegenwärtigen, wie auch Künftiges voraussehen. Daher ist alle Technik Teletechnik („tele“ – griechisch „Ferne“) und alle Teletechnologie ist Theotechnologie. Die kulturellen Mythen und Erinnerungen, ob an Sintflut oder Paradiese, sind in Wahrheit Voraussagen. Mein künstlerisches, denkerisches, kuratorisches Werk ist eine stetige Arbeit am Steinbruch der Geschichte und der Zukunft. Ich habe ­bisher erst einen Bruchteil dessen verwirklicht, was ich ­eigentlich schaffen möchte. Ich habe bisher erst einen Bruchteil dessen kennengelernt, was ich eigentlich wissen möchte. Deswegen bete ich jeden Tag zu Gott: Lass mich schneller denken, schneller schreiben, schneller lesen, schneller sprechen, damit ich meinen winzigen Timeslot im Gefängnis von Raum und Zeit ein bisschen ausdehnen kann.

 

ARTMAPP: Stillstand/Abschluss scheint nicht zu Ihrem Vokabular zu gehören, da Ihre multiplen Interessen und Fähigkeiten dem Fortschritt an allen Fronten folgen. Gibt es Ihrerseits eine Art Projekt für das ZKM, das über die Etablierung als viertwichtigstes Museum der Welt hinausgeht?

PW: Das ZKM steht in einer großartigen Geschichte kultu­reller Institutionen des 20. Jahrhunderts, die an der Front der Forschung und der künstlerischen Innovation gearbeitet ­haben: unter anderem von den WChUTEMAS bis zum MIT Media Lab, vom Bauhaus bis zum Center for Advanced Visual Studies (CAVS), von Katherine S. Dreiers und Marcel Duchamps Société Anonyme bis zum Centre Pompidou. ­Digitale Technologien werden es in Zukunft erlauben, die Museen in eine Art NGOs gegen die staatlich verordnete, massenmedial verbreitete „Verdummung“ zu verwandeln. Daher werden Museen von einer Sammlung der Objekte zu einer Versammlung von Menschen. Das ZKM der Zukunft wird mithilfe von künstlicher Intelligenz den Traum der Enzyklopädisten, der Humanisten und der Renaissance verwirklichen: das Wissen der Welt und die Fähigkeiten Weniger an alle Menschen zu vermitteln.

 

ARTMAPP: In einem reiferen Alter hegt man in der Regel den Wunsch, eine Art Bestandsaufnahme vorzunehmen. Wie sieht das bei Ihnen aus?

PW: Diesen Wunsch habe ich nicht, das überlasse ich meinen Nachlassverwaltern. Ich bin nämlich ein idealer Nachlasskünstler. Meine Wohnung ist eigentlich keine Wohnung, sondern ein Lager für Kisten, in denen unvollendete Projekte abgelegt sind. Insofern ist meine Vergangenheit offen. Man wird erst in Zukunft wissen, wie meine Vergangenheit ausgeschaut hat. Es wird noch vieles zu entdecken geben, wie gesagt, den Bestand sollen andere aufnehmen. Ich stand immer unter Produktionszwang, im Augenblick so stark, dass ich keine Bücher mehr lese, sondern nur mehr Bücher schreibe.

 

ARTMAPP: Brauchen Sie von Zeit zu Zeit eine Form der Selbstvergewisserung? Oder wie muss man es sich vorstellen, wenn Peter Weibel heute, den Peter Weibel von vor circa 30 Jahren liest? Gibt es die Notwendigkeit von Neubestimmungen?

PW: Ja, die Notwendigkeit von Neubestimmung gibt es, weniger was mein eigenes Werk betrifft, das auch, aber in der Hauptsache eine Neubestimmung der Zeit, in der ich lebte, und der Kunstrichtungen, die ich intellektuell unterstützte oder an denen ich teilgenommen habe. Diese Form der ­Selbstvergewisserung machen die Wenigsten. Umso mehr bewundere ich die Kolleginnen und Kollegen, die wie ich die einstigen Positionen, zum Beispiel der 1960er-Jahre, zum ­Beispiel Marxismus oder Pop-Art, einer Prüfung unterziehen und zur Selbstkorrektur bereit sind. Aus meiner Sicht ist Selbstkorrektur Teil des großen europäischen Erbes: sein Handeln und sein Denken durch Selbstreflexion zu be­gründen. Dies betreibe ich ständig. Daher bin ich nicht daran interessiert, meine Gesprächspartner von meiner Meinung zu überzeugen, wie dies bei den meisten Menschen der Fall ist, sondern ich bin an den Meinungen und Informationen interessiert, die mir der Gesprächspartner anbietet. Ich bin also mehr ein Mensch der Fragen als der Antworten.

 

ARTMAPP: Lassen die immensen Erfahrungen und das persönliche Wissen es überhaupt noch zu, in der Zukunft weiter eigene Kunstwerke zu ent­wickeln, oder könnte dies am persönlichen ­Anspruch scheitern? Oder können wir unter dem Einfluss der Entwicklung von künstlicher Intel­ligenz und Robotik auf neues Weibel’sches ­Vordenken im Bereich der Kunst hoffen?

PW: Im Gegensatz zu Descartes, der sagte: „Ich denke, also bin ich“, bin ich der Auffassung: „Ich bin, daher denke ich“. Das heißt, solange ich existiere, körperlich-materiell, werde ich auch denken und mein Wissen erweitern, neue Erfahrungen machen, und daraus werden ungeahnte, ungehörte, ungesehene Kunstwerke entstehen. Der Möglichkeitsraum ist immer größer als der Realitätsraum. Wir müssen den Wirklichkeitsraum vom Möglichkeitsraum her denken. Deswegen wird die Zukunft noch viele neue Kunstwerke von mir zeigen. Klarerweise werden das Kunstwerke sein, die den traditionellen Kunstbetrieb erweitern, von transdisziplinären bis hin zu transhumanen Kunstwerken.

 

ARTMAPP: Wie definieren Sie in der Gegenwart den Kunstbegriff, dem ja durch die Verzahnung mit Politik und Technik seine ureigene Fragestellung verloren zu gehen scheint? Wie werden unter ­diesem Einfluss in Zukunft die Museums­sammlungen aussehen?

PW: Die meiste Kunst heute hat sich der Politik, dem ­Journalismus und dem Markt unterworfen. Gehe ich in Ausstellungen, auf Messen oder in Museen, sehe ich da immer das Gleiche. Das ZKM hat versucht, die neuen Kunstströmungen des 20. und 21. Jahrhunderts, die sich nicht diesen drei Instanzen unterworfen haben, zu zeigen. Selbstverständlich mit Unterstützung von Individuen und Institutionen, die vergleichbare Positionen einnehmen wie das ZKM. Die Aufgabe für ein Museum wird in Zukunft sein, angemessene Reaktionen auf den Strukturwandel der Öffentlichkeit zu finden. Bisher haben sich die Museen auf die Presse konzentriert, die die Vermittlung zum Publikum und damit Öffentlichkeit hergestellt hat. Fernsehen und Radio haben sich ja schon lange mehr oder minder von der kulturellen Öffentlichkeit verabschiedet und wurden zu reinen Unterhaltungsmedien. Nun tauchen aber die sozialen Medien auf. Dadurch wird die Wirkung der „printed public“, der gedruckten Öffentlichkeit, geschwächt durch die elektronischen Netzwerke, in denen jeder Teilnehmer nicht nur ein Sender, sondern mit seinen Followern auch selbst ein Massenmedium sein kann. Das Museum muss also in Zukunft zu einem eigenen Medium der Öffentlichkeit werden.

 

AP: Welche Frage würde sich Peter Weibel selber stellen?

PW: Große Geister wie Stephen Hawking behaupten, die Entstehung der Welt verdanke sich einem Zufall. Die Frage, die ich mir stelle, ist: Warum? Und wenn nicht einem Zufall, was dann? Darauf würde ich gerne bis zum Ende meines Lebens eine Antwort finden.

 

ARTMAPP: Lieber Herr Weibel, ich danke Ihnen für dieses Gespräch!

 

 

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7/2019

 

 

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