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Talking heads

Interviews

Carsten Probst und Peter Senoner im Atelier in Lajen (BZ), 2018, Foto: Reiner Brouwer

Interview mit Peter Senoner

Mit dem Kopf verwachsen

„Skulptur, so wie ich sie begreife, ist natürlich ein sehr lang­samer, zeitaufwendiger Prozess“, sagt der Holzbildhauer Peter Senoner, der einer Schnitzer­familie aus dem Grödnertal (Val Gardena) entstammt und heute zu den avanciertesten Holzbildhauern Italiens gehört.

Wir trafen ihn in seinem großen Atelier im Grödnertal, wo er nach langer Abwesenheit im Ausland seit einigen Jahren ­wieder lebt und arbeitet. Hier sprachen wir mit ihm über die Rückkehr und die eigenwillige Selbstbehauptung der ­Holzschnitzertradition in einer ­global-technisierten, di­gital-beschleunigten Welt. Das Interview für ARTMAPP führte Carsten Probst.

 

ARTMAPP: In Südtirol gibt es viele Künstler, die sehr viel reisen und einfach weggehen. Du bist zurückgekommen. Warum?

Peter Senoner: Ich habe vor fünf Jahren mein Atelier wieder hierher zurückverlegt, nachdem ich 20 Jahre im Ausland verbracht habe, davon einige Jahre in Berlin. Ich hatte mir diesen Ort immer schon als eine Art Sommeratelier bewahrt und war schon vorher regelmäßig zwei bis drei Monate im Jahr hier. Die Entscheidung, ganz zurückzukehren, war dann eher ­familiär bedingt, als es um die Frage ging, in welche Schule mein kleiner Sohn gehen, welche Sprachen er lernen soll.

 

ARTMAPP: Und wie war dein Weg von hier fort?

PS: Ich habe in München an der Akademie studiert wie so ­viele Bildhauer von hier. Unmittelbar danach bin ich nach New York gegangen. Das war ein Sprung ins kalte Wasser, auch eine Krise für mich, und es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich da wieder herausgearbeitet hatte. Das ging über die Zeichnung zur Skulptur, Mitte/Ende der 1990er-Jahre mit der starken Technoszene, die von Detroit nach Berlin und wieder zurück nach New York kam und die Kopfhörer zum sozialen Statussymbol gemacht hat. Das habe ich dann ich meine Skulpturen eingearbeitet. Und das hat sich in meiner Arbeit schließlich verselbstständigt zu pflanzlichen oder organischen Formen, die mit dem Kopf verwachsen sind. Die biotechnische Ausweitung der menschlichen Fähigkeiten interessiert mich bis heute eigentlich am meisten. Wir wissen ja, was im Hochleistungssport, was beim Militär passiert, auch die ganz alltägliche biometrische Selbstoptimierung mit den Gadgets am Handgelenk oder in der Kleidung.

 

ARTMAPP: Bildhauer mit deinem Nachnamen findet man schon einige in der Geschichte der Grödner Bildhauerei. Sind das alles Vorfahren von dir?

PS: Das hier ist rätoromanisches Gebiet, wo Namen wie ­Moroder, Demetz, Senoner sehr verbreitet sind, und sie alle sind natürlich zurückzuführen auf eine jeweilige Familie. Meistens war das ein Bauernhof vor 800 Jahren, wo die alle quasi herkommen. Und da gibt es natürlich dann Künstler, Kunsthandwerker, es gibt viele Verrückte, Nichtangepasste, die außerhalb gesellschaftlicher Normen leben. Und irgendwann gab es auch diese Kunstschule Wolkenstein, die viele besucht haben, wie Gilbert von Gilbert & George oder Rudi Stingel. Ich selbst kam eher über Umwege zur Kunst, hatte lange auch ein starkes Distanzbedürfnis gegenüber dieser Kunstlandschaft hier. Das hat sich eigentlich erst in New York entspannt. Während meines Studiums in München habe ich keine einzige Arbeit gemacht, die etwas mit dem zu tun hatte, was ich jetzt mache. In New York merkte ich dann, dass ich ­untergehe, wenn ich versuche, so standardmäßig „Kunst“ zu machen, wie mir das in München vorgemacht worden war. Da kam mir der Gedanke, meine Arbeit mehr aus meiner Biografie heraus zu entwickeln. Ich komme aus einer Holzbildhauerfamilie, um damit deine Frage zu beantworten, bin also in deren Ateliers aufgewachsen. In New York habe ich dann meine ersten Holzskulpturen gemacht und in kleinen Showrooms ausgestellt. Das war ziemlich schräg und exotisch dort, das kannst dir sicher vorstellen. Aber da hab ich auch gemerkt: Das hat Potenzial.

 

ARTMAPP: Deine Rückkehr zur eigenen Biografie drückt sich also in der Wahl dieses Materials aus und in der Figuration?

PS: Ich habe damals für den Broterwerb unter anderem in ­einer Produktionsfirma für Werbefotografie gearbeitet und dabei viele Skulpturen in Kunststoff gemacht. Demgegenüber habe ich dann selber diese Figuren mit den Kopfhörern ­gemacht, die genauso wie die Werbefiguren aus der unmit­telbaren Gegenwart kamen – nur dass sie eben aus einem kunsthistorisch so belasteten Material wie Holz gemacht ­waren. Das hat dann für mich eine ganz eigene Spannung erzeugt. Deshalb habe ich später solche Figuren auch in Bronze gegossen, also ebenfalls so ein belastetes heroisches Material. Solche Arbeiten müssen sich natürlich auf eine ganz andere Weise behaupten, mal abgesehen vom wahnsinnig aufwendigen Produktionsprozess, der auch viele Kunsthandwerker einbezieht, was mir persönlich immer eine große Freude bereitet.

 

ARTMAPP: Und welche Rolle spielt die Tradition für dich heute und hier?

PS: Die Tradition gibt mir eine gewisse Sicherheit. Sie hat mir ein handwerkliches Rüstzeug mitgegeben und damit konnte ich mich auf unsicheres Terrain begeben. Der Bezug zur Natur spielt für mich schon auch eine große Rolle. Aber ich würde jetzt nicht sagen, dass das Arbeiten mit Holz für mich symbolisch mit Natur oder Öko gleichzusetzen ist. Es gibt nicht die „eine“ Natur, selbst hier in Südtirol nicht. Es gibt hier sehr stark kultivierte, wirtschaftlich genutzte, ausgebeutete Natur, und dann gibt es diesen Bereich über 2.500 Metern Höhe – dort ist es dann wirklich rau. Da stößt man sehr schnell an seine Grenzen. Und eigentlich ist es nur das, was mich interessiert.

 

 

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7/2018

 

 

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