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Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden im Umbruch

Träume von Bedeutung

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) sind ein Verbund aus 15 Museen und vier Institutionen von Weltrang. Nach jahrzehntelangem Wiederaufbau hat Generaldirektorin Marion Ackermann seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2016 eine neue Mission für das Universalmuseum entwickelt, dessen riesige Sammlungen seit der Kunstkammer der sächsischen Kurfürsten über fünf Jahrhunderte gewachsen sind. Nicht mehr nur die sächsische Identität soll sich in Gemäldegalerie oder Grünem Gewölbe spiegeln – jetzt gehen die Dresdner Kunstsammlungen auch dorthin, wo es weltpolitisch gerade wehtut. Zuletzt nach Moskau, wo ausgerechnet auf dem Höhe­punkt der Nawalny-Proteste im April eine vom Albertinum und der Moskauer Tretjakow-Galerie gemeinsam organisierte opulente Schau über russische und deutsche ­Romantik eröffnet wurde. Carsten Probst sprach mit Marion Ackermann über Museen als Partner der Außenpolitik – und über kühne Pläne für weitere Initiativen.

 

ARTMAPP: Frau Ackermann, am Tag vor der offiziellen Ausstellungseröffnung in der Staatlichen Tretjakow-Galerie zogen Tausende für die Frei­lassung Alexej Nawalnys durch russische Städte, die Moskauer Innenstadt war abgeriegelt, es gab zahllose Verhaftungen. Zugleich hielt Präsident Putin eine Rede, in der er Drohungen gen Westen richtete und Russlands neueste Waffensysteme pries. Eigentlich nicht die besten Bedingungen für eine Ausstellung über deutsch-russische Romantik, könnte man meinen ...

Marion Ackermann: Die Kompliziertheit dieses Vorhabens war mir und meinen russischen Kolleginnen und Kollegen immer bewusst. Ich habe es fast als Wunder empfunden, dass es überhaupt stattfinden konnte. Schon in den drei Jahren der Vorbereitung gab es immer wieder Hindernisse – nach dieser langen Zeit wollte ich unbedingt daran festhalten. Die Vorbereitung war von Anfang an auf Augenhöhe, gleichberechtigt, mit hohem persönlichem Einsatz gerade der russischen Kolleginnen und Kollegen. Die Resonanz in den russischen Medien zeigt auch, dass das produktiv war, das Publikum kommt zahlreich und versteht, dass schon der Ausstellungstitel „Träume von Freiheit“ einen politischen Beiklang hat. Aber wir müssen die Situation immer wieder neu bewerten, das russische Verbot von drei deutschen NGOs Ende April zum Beispiel ist natürlich problematisch.

 

ARTMAPP: Der deutsch-russische Museums­dialog leidet schon lange unter diversen politischen Krisen. Wollen Sie gezielt die große Politik durch persönliche Initiativen unterlaufen?

MA: Es darf im kollegialen Austausch nicht mehr wie früher ein Gefälle entstehen. Und das bedeutet eben, dass man ­unterhalb des Radars der hohen Politik arbeitet, weil ein ­kritisches, offenes Gespräch jederzeit möglich sein muss. ­Zelfira Tregulova, die Direktorin der Tretjakow-Galerie, hat über die Romantik promoviert, ich selbst über Wassily ­Kandinsky. So kamen wir miteinander ins Gespräch darüber, was man ­eigentlich über Kunst und Kultur der Moderne voneinander weiß. Wer kennt bei uns schon die Namen von grandiosen russischen Malern der Romantik wie Wene­zianow oder Iwanow? So entstand die Idee für das Projekt. Je mehr man die Kultur des anderen liebt, je mehr man davon weiß, desto gefeiter sind Menschen davor, ideologisch manipulierbar zu sein. Das ist nach wie vor meine Überzeugung.

 

ARTMAPP: Steht Kultur denn nur für das Gute? Als Korrektiv entgleister Politik? Die chinesische Regierung begründet ihre Auffassungen in ­Menschenrechtsfragen doch auch immer mit ­kultureller Differenz gegenüber Europa.

MA: In allen Diktaturen ist Kultur immer benutzt worden, frei nach George Orwell: Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft, und wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit. Meine Erfahrung ist trotzdem: Indem man zusammenarbeitet, entstehen ­Komplexitäten und Differenzierungen, die uns am Ende vor einseitigen Wahrnehmungsfallen bewahren. Als Frank-­Walter ­Steinmeier noch Außenminister war, habe ich ihn in einer Delegation auf einer Reise in die Maghreb-Staaten ­begleiten können. Damals hatte man seit 13 Jahren erfolglos versucht, ein deutsch-algerisches Kulturabkommen zu unterzeichnen. Und als es dann wieder scheiterte, sagte Steinmeier: Nie den Dialog abbrechen! Weiter miteinander reden! Ich muss sagen, dieses Erlebnis hat mich stark geprägt.

 

ARTMAPP: Die SKD sind der sächsischen Landesregierung unterstellt, nicht der Bundesregierung. Ist das nicht ein arg begrenzter Rahmen für Kulturaußenpolitik?

MA: Ich würde sagen, das ist eine Form von Freiheit. Als unsere Sammlungen unter August dem Starken im 17. Jahrhundert im Wesentlichen entstanden, war dieser ja schon mit dem ­Osmanischen Reich sowie mit dem indischen und chinesischen Großreich konfrontiert. Er hat deren Kunst und Kulturgüter gesammelt, alles damals übrigens ordentlich ­bezahlt. Auch von den Türken haben wir kaum Kriegsbeute, sondern meist eigene Erwerbungen. Von daher kann ich bei unseren Projekten stets argumentieren: Unsere Sammlungen waren immer schon international, und das auf einer relativ ­geklärten Grundlage. Daraus ergeben sich heute Netzwerke und Projekte.

 

ARTMAPP: Was sind das für Projekte?

MA: Das Musée du Luxembourg in Paris hat uns eingeladen, unsere Objekte aus dem ehemaligen afrikanischen Königreich Benin zu zeigen, die wir im Grünen Gewölbe und in unseren ethnologischen Sammlungen aufbewahren. Dabei soll der Unterschied zwischen Artefakten, die noch aus der frühen Zeit der Kunstkammer im 16. Jahrhundert stammen, und solchen, die aus dem kolonialen Kontext des 19. Jahrhunderts kommen, untersucht werden. Nicht alle unsere Benin-Objekte stammen ja aus der berüchtigten „Strafaktion“ der Briten im 19. Jahrhundert. Aber gibt es so eine Kategorie präkolonialer Kunst überhaupt? Das ist historisch komplex und wir müssen gerade jetzt als Museum dazu eine Haltung finden. – Und auf der Biennale in Lyon im nächsten Jahr werden wir als Universalmuseum präsent sein, um ebendieses Ideal der Universalmuseen kolonialkritisch zu hinterfragen.

 

ARTMAPP: Sie planen auch ein Projekt mit der Türkei …

MA: Ich würde gern mit unserer „Türckischen Cammer“ ein Projekt zur osmanischen Kultur realisieren, mit Partnern in der heutigen Türkei. Dafür böte sich eigentlich das Jubiläum der Staatsgründung durch Atatürk 2023 an. Das wird natürlich nicht so einfach, vielleicht scheitert es auch. Aber es ist es wert, es zu wagen, finde ich.

 

ARTMAPP: Das ist nicht mehr viel Zeit für ein Projekt dieser Größe.

MA: Es muss im Herbst entschieden werden. Vor allem die Frage: Kooperieren wir mit privaten Institutionen wie den von der Familie Koç geförderten oder mit den großen staat­lichen Museen, von denen wir natürlich zumindest Leihgaben bräuchten. Davon hängt am Ende die Art des Projektes ab.

 

ARTMAPP: Das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei ist auch nicht gerade entspannt. Haben Sie keine Bedenken, politisch instrumen­talisiert zu werden?

MA: Brücken zu bauen mit Kultur, das wird in der Türkei und hier grundsätzlich positiv gesehen, glaube ich. Unser Außenminister war ja gerade dort und sagte mir, der Augenblick sei verhältnismäßig günstig, eine Tür habe sich leicht aufgetan. Ein solches Projekt muss unabhängig kuratiert sein und wir müssen eine Balance finden zwischen historischer Ausstellung und der Haltung, die wir zeigen.

 

ARTMAPP: Die SKD als Botschafterin deutscher Außenpolitik?

MA: Das wären wir, wenn die Außenpolitik unsere Arbeit nutzt, um politisch voranzukommen. Aber wir selbst sind nicht in der Rolle der Politikerinnen und Politiker. Es ist vielleicht ähnlich wie bei dem Projekt mit Moskau: Es geht um vertieftes Wissen und um die Menschen − „people to people“. Ich bin in einem Teil meiner Kindheit in der Türkei aufgewachsen, und ich war immer erschüttert, wie wenig man in Deutschland über dieses Land weiß. Zum Beispiel über die vielen Exilantinnen und Exilanten, die in der Zeit des Nationalsozialismus nach Ankara und Istanbul gegangen sind. Ankara wurde durch deutsche und österreichische Architekten der zweiten Moderne aufgebaut. Allein da gibt es in der gegenseitigen Vermittlung eine Menge zu tun.

 

ARTMAPP: Sie erwähnten eben die Benin-­Bronzen im Besitz der SKD. Deren Restitution an Nigeria wurde im April bundespolitisch beschlossen. Befürchten Sie nicht, mittelfristig als Museum ohne Originale dazustehen?

MA: Die SKD erforschen ihre Bestände schon seit mehr als 20 Jahren, und wir restituieren fast jeden zweiten Monat ­Objekte aus verschiedenen historischen Kontexten oder ­bekommen selbst welche zurück. Es gibt derzeit so viele verschiedene ­Modelle für künftige Kooperationen! Ich denke zum Beispiel, bevor so viele Objekte in den Depots schlummern – auch bei uns: Warum suchen wir nicht neue Wege, sie zugänglicher zu machen, gern über kulturelle Austausch­programme? Wer weiß denn hierzulande etwas über die Renaissance oder die Moderne in Afrika oder in den anderen Ländern, aus denen diese Objekte stammen? Eigentlich wäre gerade jetzt die Zeit für neue Bildungsoffensiven.

 

ARTMAPP: Vor viereinhalb Jahren kamen Sie von der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen nach Dresden − nach Stationen in Stuttgart und München. Müssen Sie sich mit Ihrem Ansatz der internationalen Vernetzung hier anders erklären?

MA: Was ich gelernt habe, ist: Jeder Ort mit seinem Publikum ist komplett anders. Man war froh, als ich bei meiner Einstandsrede sagte, dass ich schon die Unterschiede zwischen München, Stuttgart und Düsseldorf mindestens so groß finde wie zwischen Westen und Osten. Im Vergleich zu Düsseldorf muss ich sagen: Dort gibt es eine berühmte, exzellente, doch quantitativ kleine, westlich geprägte, kanonisierte Sammlung, die ich liebe − eine Art Nationalgalerie der alten Bundesrepublik. Aber in Dresden sind wir an einem Ort der Unerschöpflichkeit, der Transkulturalität, die überall zu ­spüren ist. Hier sieht man: Keine Kultur kann entstehen ohne die andere.

 

ARTMAPP: Dresden war lange nicht unbedingt als Ort kultureller Innovation bekannt, eher im Gegenteil.

MA: Ich finde, die Kür für jedes Museum ist, die künstlerische Produktion anzureizen. Dazu realisieren wir hier inzwischen sehr viele Projekte und versuchen, die Werke dann auch zu sammeln. Das ist sicher ein Akzent, den ich mit hier­hergebracht habe, auch durch Aufnahme der großen zeitgenössischen Kunstsammlung von Erika und Rolf Hoffmann sowie des Archivs der Avantgarden aus der Sammlung von Egidio Marzona. Dadurch holen wir die Zeitgenossenschaft der Sammlung intensiv nach, was hier durch die jüngere Geschichte weggebrochen war. Und das wird das ­ganze Gefüge der SKD noch einmal stark bereichern und vielleicht auch verändern.

 

www.skd.museum

 

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8/2021

 

 

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