Das Kunstmagazin und die App für Entdecker

Talking heads

Interviews

Bildergalerie

Ernst ludwig Kirchner

 

Mausklick für Ganzseitendarstellung

mit Bildlegende

Bis 16. Juni 2019

„Ernst Ludwig Kirchner. Der Maler als Fotograf“.

www.museumdermoderne.at

Ernst Ludwig Kirchner

Der Maler als Fotograf

Interview mit Thorsten Sadowsky,

Direktor Museum der Moderne Salzburg

 

„Fotografie war für Kirchner kein schnelles Medium“

 

Seine einst verrufenen und heute ikonischen Großstadtbilder sowie kontrastreichen Berglandschaften haben Ernst Ludwig Kirchner weltberühmt gemacht. Der deutsche Expressionist ist vor allem als Maler und Grafiker in die Kunstgeschichte eingegangen. Das Museum der Moderne Salzburg zeigt ihn nun als Fotografen. Was den Maler Kirchner als Fotografen auszeichnet und was ihn zu einem frühen Meister des Selbstmarketings macht, erzählt Thorsten Sadowsky, Direktor am Museum der Moderne Salzburg, ARTMAPP in einem ­Gespräch mit Alice Henkes.

 

ARTMAPP: Thorsten Sadowsky, Sie zeigen zurzeit die Ausstellung „Ernst Ludwig Kirchner. Der Maler als Fotograf“. Im Kirchner Museum Davos, wo Sie bis August 2018 als Direktor tätig waren, haben Sie vor drei Jahren ebenfalls eine Ausstellung zur Fotografie Kirchners präsentiert. Haben Sie die aktuelle Ausstellung aus Davos mitgebracht?

Thorsten Sadowsky: Nein, es ist nicht die gleiche Ausstellung. Unter meiner Direktion am Kirchner Museum Davos wurde das fotografische Werk Kirchners erstmals komplett auf­gearbeitet. Alle Bilder wurden archiviert, digitalisiert und es wurden zwei Kontaktabzüge von jedem Negativ angefertigt. Es wurde, gefördert durch das Schweizer Bundesamt für Kultur, der gesamte Bestand museal erschlossen und dadurch verfügbar gemacht.

 

ARTMAPP: Ernst Ludwig Kirchner ist einer der bekanntesten Künstler des deutschen Expressionismus. Wieso wird sein fotografisches Werk erst jetzt beachtet?

TS: Kirchner war Amateurfotograf. Einige seiner Aufnahmen weisen Fehler auf, zum Beispiel gibt es manchmal störende Abdrücke auf den Abzügen. Kirchners Fotografie wurde lange nicht als Teil seiner künstlerischen Arbeit wahrgenommen. Das hatte sicher auch mit der geringeren Wertschätzung der Fotografie im Vergleich mit anderen künstlerischen Medien zu tun. Auch Kirchner selbst hat seine Fotografien nicht als Kunst betrachtet. Die künstlerische Relevanz der Fotografie steht bereits seit Jahrzehnten außer Frage. In den 1990er-­Jahren ist erstmals eine Diskussion über den künstlerischen Wert von Kirchners fotografischem Werk aufgekommen. Nachfolgend hat eine deutliche Aufwertung dieses lange nicht beachteten Teils seines Schaffens stattgefunden.

 

ARTMAPP: Wie hat Kirchner die Fotografie ­genutzt? Was waren seine Themen und Motive?

TS: In Kirchners Fotografie gibt es sehr unterschiedliche ­Aspekte. Es gibt die berühmten Atelierfotos aus Berlin, die Aufnahmen aus seinen Wohnhöhlen. Dann gibt es eine ­Reihe von Porträts, angefangen mit seinen Dresdner Mo­dellen. Kirchner hat zu allen Zeiten die Menschen seiner direkten Umgebung fotografiert. In Davos hat er Auf­nahmen vom ­bäuerlichen, ländlichen Leben gemacht, aber ebenso von ­Besuchern und Freunden. Neben zahlreichen Porträt­aufnahmen gibt es etliche Selbstporträts. Diese ­dienten durchaus der Inszenierung als avantgardistischer Künstler. Kirchner hat aber außerdem noch Landschaften und vor ­allem seine ­eigene Kunst fotografiert. In Salzburg werden wir diese ­Sachfotografien in einen Kontext mit ­seiner Malerei stellen. Interessanterweise war Kirchner der Künstler des deutschen Expressionismus, der sich intensiv mit Fotografie beschäftigt hat.

 

ARTMAPP: Woran zeigt sich denn der ­expressionistische Blick in den Fotografien

Ernst Ludwig Kirchners?

TS: Kirchner arbeitete in der Fotografie mit ästhetischen ­Interventionen wie Unschärfen, extremen Nahaufnahmen und Doppelbelichtungen. Dazu kamen verschüttete Che­mikalien, Daumenabdrücke und eindringendes Licht. Dem Realismus der Fotografie begegnete er mit einem kreativ-­expressiven Wechselspiel. Teilweise bearbeitete er die Negative wie Druckplatten, so dass Gemeinsamkeiten mit den expressiven Oberflächen seiner Kunstwerke entstanden.

 

ARTMAPP: Wie wichtig war es Kirchner, sein Werk selber zu dokumentieren?

TS: Kirchner war ein stilbewusster Künstler, und er hat versucht, die öffentliche Wirkung seines Werks zu kontrollieren. Er hat sich ja selbst als Fabrikmarke bezeichnet. Ihm war also schon sehr bewusst, welches Potenzial eine gelungene Selbstvermarktung in der Kunstwelt hat. Und er hat sehr großen Wert darauf gelegt, die Abbildungen seiner Arbeiten zu ­kon­trollieren. Er hat selber ­einen umfangreichen Werk­katalog angelegt, so wie heute Gerhard Richter. Er hatte ein starkes Bewusstsein dafür, wie er sich vor dem Hintergrund der Kunstgeschichte positionieren wollte.

 

ARTMAPP: Fotografie als Medium der Selbstinszenierung und der Kontrolle über das eigene Werk: War Kirchner ein früher Meister des kreativen Selbstmarketings?

TS: Ja! In diesem Zusammenhang ist auch sein fiktiver Kunstkritikerfreund Louis de Marsalle wichtig. Ernst Ludwig Kirchner hat ihn in den 1920er-Jahren schlichtweg erfunden. Er behauptete, er habe einen jungen Mann kennengelernt, ­einen hochbegabten Franzosen, der sehr gut schreiben könne. Diesen Louis de Marsalle hat er Texte über sein eigenes Werk „schreiben lassen“, Artikel, die dann in verschiedenen Publikationen erschienen sind. Wenn jemand diesen talentierten Autor kennenlernen wollte, behauptete Kirchner, de Marsalle sei gerade auf Reisen. Als Max Huggler 1933 eine große ­Kirchner-Retrospektive in der Kunsthalle Bern einrichtete, bot Kirchner ihm einen Text seines „kürzlich verstorbenen“ Freundes an.

 

ARTMAPP: Louis de Marsalle spielt auch eine Rolle in der Kirchner-Ausstellung?

TS: Ja, denn wir zeigen eine Werkserie des Schweizer Foto­grafen Stephan Bösch, die Kirchners fiktivem Freund ein Gesicht gibt und Louis de Marsalle leibhaftig in Davos auf­treten lässt.

 

ARTMAPP: Sie waren zuletzt Direktor des Kirchner Museums Davos, jetzt leiten Sie das Museum der Moderne Salzburg. Welche Themen werden Sie weiterhin begleiten? Was ist neu?

TS: Die Sammlung hier in Salzburg ist stark vom Expressionismus beeinflusst – da gibt es gewisse Anknüpfungspunkte. Doch eben auch Unterschiede: Das Kirchner Museum in ­Davos ist ein monografisches Haus, das Museum der Moderne Salzburg dagegen sehr breit aufgestellt. Die Klassische ­Moderne spielt hier eine Rolle, die zeitgenössische Kunst ist im Programm aber ungleich stärker vertreten. Es gibt einen Schwerpunkt Fotografie und die Beschäftigung mit außereuropäischer Kunst. Für Salzburg ist zugleich das Performative wichtig. Der Dialog der bildenden Kunst mit den darstellenden Künsten ist sicherlich eine einzigartige Salzburger Konstellation.

 

 

 

...........

3/2019

 

 

nach oben

 

zurück

 

 

Abo

Newsletter

Kontakt

Media

App

Magazin