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Bis 18. März 2018

Pae White

 

Bis 3. Juni 2018

Michael Riedel

 

Saarlandmuseum, Moderne Galerie

www.saarlandmuseum.de

Roland Mönig, Foto: Iris Maurer

Wiedereröffnung der Modernen Galerie des Saarlandmuseums

„Richtig Meter machen“

­Museumsleiter Roland Mönig im Interview

 

Am 18. November 2017 eröffnet die Moderne Galerie des Saarlandmuseums nach anderthalb Jahren Schließung mit einem neuen Anbau. Für ARTMAPP sprach ­Bülent Gündüz mit ­Museumsleiter Roland Mönig (*1965) über Glücksgefühle, neue Chancen und das größte Kunstwerk Europas.

 

ARTMAPP: Sie sind 2013 an das Saarlandmuseum gekommen in einer Zeit, als das Haus wegen des neuen Anbaus in den Schlagzeilen war. Es gab einen Baustopp wegen Planungsfehlern. Vorwürfe wegen Untreue und Vorteilsnahme hatten zur Entlassung ihres Vorgängers geführt und es war absehbar, dass die Kosten für das Projekt enorm steigen würden. Warum haben Sie sich das angetan und sind vom Museum Kurhaus Kleve an das ­Saarlandmuseum gewechselt?

Roland Mönig: Mir war klar, dass es harte Arbeit und wo­möglich schwierig werden würde. Einen Großteil der Herausforderungen konnte ich mir gut vorstellen, hatte ich doch Bauerfahrung durch die verantwortliche Mitwirkung an der letzten Ausbauphase des Museums Kurhaus Kleve sammeln können. Aus der Distanz hatte ich verfolgt, was in Saarbrücken gelaufen war. Ich kenne die Moderne Galerie des Saarlandmuseums seit über 30 Jahren, habe das Museum immer geschätzt und geliebt für seine Sammlung. Das war meine Motivation.

 

ARTMAPP: Aber es war ja ungewiss, was aus dem Museum werden würde.

RM: Ich möchte nichts beschönigen, aber ich habe nie verstanden, warum manche zu glauben schienen, ein Museum von dieser Qualität sei kaum noch zu retten, weil es aufgrund von einzelnen Fehlentscheidungen in eine Schieflage geraten war. Das fand ich schade. Die Menschen hier hatten nur noch die Skandale und die Kosten im Blick. Das war vielleicht die größte Herausforderung, denn ein Museum muss vor Ort funktionieren. Da sind die Bürger, die Künstlerschaft und ­Institutionen, mit denen man im Verbund steht. Diese Verankerung vor Ort war gebrochen. Natürlich möchte ich auch Menschen von außerhalb ins Saarland locken, aber in erster ­Linie interessiert mich, was hier geschieht. Wenn das Museum und sein Konzept im Saarland funktionieren, wird das auch überregionale Strahlkraft entwickeln.

 

ARTMAPP: Hatten Sie Zweifel, dass das gelingen kann?

RM: Nein. Ich war einmal inkognito bei einer Baustellen­führung im Rohbau dabei und habe sofort gespürt, dass diese Architektur wunderbar funktionieren kann. Schöneckers ­Pavillon-Ensemble der 1960er- und 1970er-Jahre ist ein Klassiker der Museumsarchitektur. Aber er kann viele Dinge nicht leisten, die man heute von einem Museum erwartet – unter anderem, deutlich in der Stadt sichtbar zu sein. Mit dem Erweiterungsbau gewinnen wir nicht nur neue Räume, sondern auch eine größere architektonische Präsenz. Jetzt ist das Haus als markante Setzung weithin sichtbar und bildet mit Staatstheater und Musikhochschule eine städtebauliche Achse. Bei der Begehung der Ausstellungssäle hatte ich aber das Gefühl, dass man da noch etwas verbessern könnte.

 

ARTMAPP: Nämlich?

RM: Ein Fehler in der ursprünglichen Ausschreibung für die Erweiterung war die gedankliche Trennung von Bestands- und Neubau. Außerdem sollte der Neubau den Eingang für das gesamte Museum enthalten. Ich habe das anders gesehen, genau wie das Büro Kuehn Malvezzi, die das Projekt 2013 übernommen hatten. Die Architekten kamen auf die Idee, den alten Haupteingang zu reaktivieren und das Ensemble so wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Damit war klar, dass wir im Erdgeschoss einiges verändern mussten. Es konnte ein durchlaufender Parcours über vier Geschosse mit unterschiedlich großen Sälen geschaffen werden. Das war wichtig, weil ein Museum nur so stark ist wie seine Räume, die der Kunst ­dienen müssen. Ein Vorteil dieser Lösung ist die ideale ­Verzahnung von Alt- und Neubau. Das einstige Foyer wurde wieder zum ­Zentrum des Museums. Die Gebäudeflügel ­stehen nun gleichberechtigt nebeneinander und jeder Raum kann seine Stärken ausspielen.

 

ARTMAPP: Auch die im ursprünglichen Entwurf vorgesehene gläserne Außenfassade konnte ­aufgrund von unvorhergesehenen ­Kosten­steigerungen nicht realisiert werden. Was wurde dort verändert?

RM: Der Kubus wurde durch die Gegenüberstellung von Rauputz und vorgesetzten Werksteinplatten aufgelockert. Große Fenster verbinden Innen und Außen. Die Werksteinplatten gehören zu einem Kunstwerk von Michael Riedel, das eine Landtagsdebatte vom April 2015 über das Bauprojekt in ein grafisches Muster verwandelt. Es wurde uns zunächst vorgeworfen, wir wollten nun die Rechtfertigungsreden der Politiker auf die Museumsfassade drucken. Tatsächlich aber verwandeln sich Text und Buchstaben in ein grafisches Kontinuum. Der Schriftteppich verdichtet und öffnet sich, trägt einen Rhythmus auf die Flächen und erzeugt Kurzschlüsse zwischen nicht zusammenhängenden Textteilen. Riedels Werk ist so vielschichtig lesbar und interpretierbar. Da gibt es auch verrückte Stellen, wo neuer Sinn entsteht. Schon von Weitem tritt das Wort „Museum“ groß hervor und markiert das Gebäude. Die Verschmelzung von Kunstwerk und Architektur ist im internationalen Museumsbau einmalig. Sie definiert den Ort und spiegelt seine Geschichte. Außerdem ist es mit seinen 4.000 Quadratmetern Fläche wohl das größte Kunstwerk Europas. Mit bescheidenen Mitteln haben wir so etwas Unverwechselbares geschaffen.

 

ARTMAPP: Welche Rückmeldungen gab es bei der Leereröffnung im Juni von den Besuchern?

RM: An den beiden Öffnungstagen kamen 3.000 Menschen. Nicht etwa, dass alle kritiklos begeistert waren. Aber die Leute haben gemerkt, dass das Konzept funktionieren wird. Die ­offene Decke mit Elektro- und Klimatechnik sorgte immer wieder für Nachfragen. Das war für uns eine ökonomische ­Lösung und zugleich eine funktionale, weil man mit dieser Decke viel leichter umgehen kann, wenn man zeitgenössische Kunst zeigen will.

 

ARTMAPP: Was wird zukünftig im Anbau gezeigt?

RM: Mit dem Anbau gewinnen wir 50 Prozent Ausstellungsfläche hinzu. Wir werden in den kommenden Jahren sehen, welche Möglichkeiten uns das eröffnet. Insgesamt streben wir eine größere Dynamik an. Die Standorte von Sammlung und Sonderausstellungen werden immer mal wieder neu ausgehandelt werden. Im Altbau werden wir anfangs vor allem die Klassische Moderne und im Neubau Werke der zeitgenössischen Kunst präsentieren, die wir bisher schon aufgrund der Größe kaum zeigen konnten. Jetzt können wir richtig Meter machen und zeigen, was das Museum als Ganzes kann. Deshalb wollte ich auch Pae White zeigen.

 

ARTMAPP: Die US-Amerikanerin wird das Haus mit zwei raumgreifenden Installationen eröffnen. Wie sind Sie auf Pae White gekommen?

RM: Ich habe Whites Schaffen über viele Jahre verfolgt und finde sie so faszinierend, weil sie sich verrückte Dinge traut. Sie kann Räume zum Pulsieren bringen. Mit dem mehr­ge­schossigen Atrium des Neubaus konnten wir den perfekten Raum für ihre Kunst stellen. Er bietet viele verschiedene ­Perspektiven auf Whites Installation, weil man aus den ­Obergeschossen immer wieder aus anderen Blickwinkeln ­hineinschauen kann.

 

ARTMAPP: Warum gibt es keine Eröffnungs­ausstellung mit ganz großen Namen?

RM: Wir wollen die Identität des Museums in den Vordergrund stellen, und das macht man am besten mit der eigenen Sammlung. Uns ist es wichtig, den Menschen zu zeigen, was dieses Museum ausmacht. Ich wollte aber auch eine Marke ­setzen, die das Museum unverwechselbar macht. Picasso und Matisse können Sie überall zeigen. Das Werk von Pae White hingegen ist etwas Einmaliges, das Sie so an keinem anderen Ort erleben können. In der zweiten Jahreshälfte 2018 werden wir dann mit „Max Slevogt und Frankreich“ ein populäres Thema zeigen.

 

ARTMAPP: Was sollte bis zum Ende des ersten Ausstellungsjahres passiert sein, damit Sie ­zufrieden sind?

RM: Es ist populär geworden, Museen an ihren Besucher­zahlen zu messen. Natürlich möchte ich so viele Menschen wie möglich anlocken. Wirklich glücklich würde mich aber machen, wenn die Menschen vor Ort sich wieder stärker mit diesem Haus und seinem Bestand identifizieren.

 

ARTMAPP: Roland Mönig – vielen Dank für das Gespräch!

 

 

 

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11/2017

 

 

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