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Interviews

Oliver Kornhoff vor „Arp“, Foto: Herbert Piel, © Arp Museum

Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen

Hotspot mit Aussichten

 

Interview mit Oliver Kornhoff

Der Maler Karl Otto Götz (* 1914) nannte das Arp Museum Bahnhof Rolandseck einmal das einzige Museum in Rheinland-Pfalz von internationalem Rang. Dazu hat nicht nur der 2007 eingeweihte Neubau hoch über dem Rheinufer durch den US-amerikanischen Architekten Richard Meier beigetragen, sondern auch das überaus vielfältige Programm des Drei-Sparten-Hauses, das neben der modernen und Gegenwartskunst auch Musik und Literatur umfasst. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums, das in diesem Jahr groß gefeiert wird, sprach Carsten Probst für ARTMAPP mit Museumsdirektor Oliver Kornhoff über sein in vielerlei Hinsicht einzigartiges Haus und dessen bewegte Geschichte.

 

ARTMAPP: Herr Kornhoff, zum zehnjährigen Geburtstag sind viele Superlative über das Arp Museum Bahnhof Rolandseck im Umlauf: Das größte und bestbesuchte Kunstmuseum in ­Rheinland-Pfalz, das schönste in Deutschland sowieso – denken Sie da manchmal noch an die Schwierigkeiten der Anfangsjahre zurück, als das Haus wegen vermuteter gefälschter Plastiken von Hans Arp in der Kritik stand?

Oliver Kornhoff: Dass man innehält, zurückschaut auf das ­Erlebte, auf das Geleistete, aber gleichzeitig auch nach vorn, das gehört zu solch einem Geburtstag dazu. Die großen Baustellen, die Klaus Gallwitz als Gründungsdirektor des Arp Museums zu bearbeiten hatte, gab es 2009 zwar noch, als ich das Direktorenamt übernahm. Aber Gallwitz veranstaltete noch das Symposion zu den posthumen Güssen von Hans Arp. Damit gelang es uns dann, diese ganze Diskussion um das Haus aus der Skandal- und Schmuddelecke herauszu­holen. Immerhin hat sich bestätigt, dass die Vorwürfe völlig aus der Luft gegriffen waren! Im Gegenteil stellte sich heraus, dass wir sogar mehr Güsse, die noch zu Arps Lebzeiten gegossen worden waren, in unserem Bestand haben, als wir selbst vermutet hatten! Wir können mit Fug und Recht sagen, dass wir heute über den transparentesten Arp-Bestand der Welt verfügen. Wir kamen aus einer Negativbilanz – einer völlig unberechtigten – und haben jetzt mit dem zehnjährigen ­Ju­biläum Anlass, stolz zu sein auf das, was das ganze Team seither geleistet hat!

ARTMAPP: Eigentlich reicht die illustre ­Vorgeschichte Ihres Hauses ja noch viel weiter zurück als 2007 …

OK: Die beginnt natürlich schon mit dem Bahnhof Rolandseck selbst, der seit den 1850er-Jahren ein Kunst- und Kulturort ist. Hier stiegen die vermögenden Industriellen aus Köln, Bonn oder Düsseldorf aus dem Zug, um dann an der Wiege der Rheinromantik auf Schiff oder Kutsche umzusteigen. Rolandseck war Endbahnhof, erbaut im italienischen Renaissancestil, und verstand sich mehr als Empfangs- denn als Durchgangsort. Clara Schumann saß genau da am Piano, wo heute unser Museumscafé ist! Franz Liszt hat hier in der Nähe auf der Insel Urlaub gemacht, namhafte Literaten kehrten ein, die Gebrüder Grimm zum Beispiel, Guillaume Apollinaire schrieb Gedichte. Später traf Kaiser Wilhelm II. hier die Queen Victoria.

ARTMAPP: Damals gab es vor Ort aber noch keine bildenden Künstler?

OK: Die kamen erst in den 1960er-Jahren. Der Bahnhof ­Rolandseck hatte damals seine verkehrstechnische Be­deutung weitgehend verloren und sollte abgerissen werden. Das war die Glanzstunde von Johannes Wasmuth, dem Bonner Kulturleidenschaftler und Kunsthändler, der seinerzeit wie ein Hausbesetzer den Bahnhof okkupierte und dann Künstler aus der Region einlud, hier zu leben und zu arbeiten. Darunter waren einige Namen, die heute weltberühmt sind: der dadaistische Filmpionier Hans Richter, Günther Uecker, die Künstlergruppe ZERO, die hier ihr großes ZERO-Fest feierte. Hans Arp selbst war übrigens nie hier, aber seine zweite Frau Marguerite Arp-Hagenbach sorgte mit Wasmuth dafür, dass bereits damals Arp-Skulpturen hier gezeigt wurden. Da gab es auch schon den Traum von einem Arp-Museum an diesem Ort. Für dessen Erfüllung gelang es schließlich, das Land Rheinland-Pfalz mit ins Boot zu holen.

ARTMAPP: Die örtliche Nähe zur damaligen ­Bundeshauptstadt Bonn hat die Entwicklung ­dieses Hauses doch auch nicht unwesentlich ­beeinflusst …?

OK: Die bundesrepublikanische Geschichte ist ganz eng mit diesem Kunstort verbunden! Wenn wir diesen Bahnhof erhalten, dann haben wir immer eine Hand am Portal der Bundeshauptstadt, das mag Helmut Kohl als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident gedacht haben. Man konnte so Gastgeber sein für bundeshauptstädtisches Geschehen, das hier natürlich immer ein bisschen informeller möglich war als auf dem offiziellen Bonner Parkett! Zu den Mythen von Rolandseck gehört, dass sich der ägyptische und der israelische Botschafter hier zum ersten Mal die Hand gegeben hätten, was offiziell in Bonn ja nicht möglich gewesen wäre. Bis man sich schließlich aber auch in Bonn für ein Museum in Re­magen begeistern und Richard Meier als Architekten dafür finden konnte, dauerte es dann noch bis in die 1980er-Jahre. Die Eröffnung war dann schließlich erst 2007, da war Bonn schon nicht mehr Hauptstadt. Aber immerhin kam Bundeskanzlerin Angela Merkel aus Berlin angereist.

ARTMAPP: Sie haben zu Anfang Gegenwartskünstler wie Jonathan Meese oder Anselm Kiefer gezeigt, zuletzt den brasilianischen Installationskünstler Ernesto Neto. Im Jubiläumsjahr wird Henry Moore mit einer großen Schau gewürdigt. Sie sprechen oft davon, das Haus international stärker aufstellen zu wollen. Wird aus dem ­beschaulichen Rolandseck ein internationaler Hotspot?

OK: Das sind wir ja in Teilen schon geworden! Wenn ich nach Norden gucke, da sind ja so an die zehn Flaggschiffe der deutschen Museumslandschaft versammelt, in Köln, Bonn, Düsseldorf … – Um an die heranzukommen, geht es ja für ein junges Museum, das wir noch sind, fast gar nicht anders. Aber wir haben auch einiges anzubieten! Unseren Bestand an ­Werken von Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp werden wir natürlich weiterhin in wechselnden Sammlungspräsentationen zeigen, dazu beherbergen wir die angesehene Sammlung Rau für UNICEF. Als weitere Besonderheit sind bei uns stets alle Ausstellungen durch ein Jahresthema vereint. Unser ­Publikum kann so künstlerische Entwicklungen und kuratorische Gedankengänge von den alten Meistern der Sammlung Rau, über Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp bis zur Kunst der Gegenwart anhand eines Leitmotivs verfolgen. Hinzu kommt dieser Blick! Von hier oben, vom Neubau aus, auf Siebengebirge und Rhein – deshalb sind schon die Touristen im 19. Jahrhundert hergekommen, und deshalb kommen sie noch heute. Die Strahlkraft, die sich aus all dem ergibt, können wir in der internationalen Zusammenarbeit mit anderen Häusern noch weiter erhöhen, schon im Jubiläumsjahr 2017 mit der großen Henry-Moore-Ausstellung! Unsere Hauptaufgabe – die schwierigste, aber auch die schönste – ist es, ein Museum zu bleiben – und kein Mausoleum zu werden. Das ist unser Credo, und mit diesem Anspruch bin ich hier angetreten.

ARTMAPP: Oliver Kornhoff, vielen Dank für das Gespräch!

 

 

Oliver Kornhoff studierte Kunstgeschichte, Geschichte, ­Klassische Archäologie und Völkerkunde in seiner ­Geburtsstadt Köln, bevor er in Freiburg im Breisgau über die Skulpturen der „Brücke“-Künstler Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner promovierte. Im Januar 2009 wechselte er von der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen ins ­Direktorenamt des Arp Museums Bahnhof Rolandseck, 2013 übernahm er zusätzlich die Leitung des Künstlerhauses Schloss Balmoral in Bad Ems.

 

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03/2017

 

 

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