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Erik Madigan Heck

und Sarah Moon

 

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mit Bildlegende

Bis 27. Januar 2019

Erik Madigan Heck

Musée des Beaux-Arts Le Locle

www.mbal.ch

www.christopheguye.com

Bis 18. November 2018

Sarah Moon in der Ausstellung Between Art & Fashion

Photographs from the Collection

of Carla Sozzani

Helmut Newton Stiftung

im Museum für Fotografie, Berlin

www.helmut-newton.de

Erik Madigan Heck und Sarah Moon

Between Art & Fashion

„Ich baue meine Bilder von den Kleidungsstücken ausgehend, wer sie trägt, interessiert mich nicht. Aus diesem Grund fotografiere ich die Models oft von hinten oder zeige nur Teile ihres Gesichts.“

 

So beschrieb der junge US-amerikanische Künstler Erik ­Madigan Heck einmal seine Arbeitsweise. Gerade war sein Werk in der Zürcher Christophe Guye Galerie zu sehen. In der Helmut Newton Stiftung im Museum für Fotografie in Berlin kann man derzeit ganz andere Bilder bewundern, nämlich jene der Französin Sarah Moon. Beide Positionen – so ­un­terschiedlich sie sind – erweiterten die Grenzen der Modefotografie. Für ARTMAPP ein schöner Anlass, mit ­Matthias Harder von der Newton Foundation und Galerist Christophe Guye über Kunst, Fotografie, Mode und einiges mehr zu sprechen. Die Interviews mit Christophe Guye und Matthias Harder führte Marc Peschke.

Interview mit Christophe Guye

in seiner Galerie in Zürich

 

ARTMAPP: Christophe Guye, in Ihrer Galerie in Zürich darf man „das Medium der Fotografie ­innerhalb des erweiterten Kontexts zeitgenös­sischer Kunst“ betrachten. In welchem Moment wird Fotografie zur Kunst?

Christophe Guye: Fotografie ist Kunst, wenn sie von bildenden Künstlern geschaffen wird und kunsthistorisch relevant ist. Ich bin ein entschiedener Gegner von Bezeichnungen wie „Fotokunst“ oder „Kunstfotograf“. Ich halte mich an das Zitat von Peter Henry Emerson aus „Hints on Art“ aus dem Jahr 1889: „Nennen Sie sich nicht ‚Kunstfotograf‘ und bringen ­damit ‚Kunstmaler‘ und ‚Kunstbildhauer‘ zum Lachen; ­nennen Sie sich Fotograf und warten Sie ab, bis Künstler Sie Bruder nennen.“

 

ARTMAPP: Soeben ist Ihre Ausstellung „Old ­Future“ des 1983 geborenen US-Amerikaners Erik Madigan Heck zu Ende gegangen. Wie war die Resonanz?

CG: Die Resonanz war überwältigend! Wir hatten nicht nur ein enormes Besucheraufkommen und überdurchschnittlich viel Presse, sondern auch viele große Ankäufe, unter anderem von mehreren wichtigen Sammlungen.

 

ARTMAPP: Was macht den inzwischen inter­national bekannten Künstler für Sie unver­wechselbar und originell?

CG: Es ist einerseits das Spannungsfeld zwischen Malerei und Fotografie sowie anderseits zwischen Modefotografie und bildender Kunst. Des Weiteren der klare und unverwechselbare Umgang mit Farben und Formen – minimal und pur. Zudem liegt sein Fokus auf der optimalen Darstellung des Kleidungsstücks und dem optimalen Zusammenspiel der Formen und Farben des Stoffes mit dem von ihm geschaffenen Bild und nicht auf der Inszenierung des Fotomodels.

 

ARTMAPP: Ins Auge fallen die leuchtenden ­Farben, die Rot- und Blautöne – und die vielen, vielen ­Blumen. Inspiriert scheint Heck vor allem durch Malerei?

CG: Das ist ebenfalls richtig. Erik Madigan Heck ist ein ausgebildeter Maler und entdeckte erst später die Fotografie. Seine Inspiration findet er nicht in der Fotografie, sondern in der Malerei, bei Malern wie Édouard Vuillard, Edgar Degas, Peter Doig, Marlene Dumas oder Gerhard Richter.

 

ARTMAPP: Die digitale Postproduktion ist ein wichtiger Teil des Arbeitsprozesses von Heck, der selbst sagt: „Meine Fotografien sind in einem ersten Schritt wie Leinwände, auf die ich am Computer bis zu 100 Farbschichten auftrage.“ Kann man hier eigentlich noch von „Fotokunst“ sprechen? Oder ist das, was Heck schafft, eher „digitale Malerei“?

CG: Der Ausgangspunkt seiner Arbeiten ist nach wie vor stets eine Fotografie. Obwohl noch sehr viele Fotografen in Dunkelkammern und Laboren arbeiten, gibt es gleichzeitig einen Trend hin zum Schaffen von Bildern oder dem sogenannten „Imagemaking“, bei dem verschiedene Ausgangsmaterialien und unterschiedliche – analoge wie auch digitale – Technologien angewendet werden. Ein Prozess, in dem die Grenzen der Fotografie auf spannende Art und Weise ausgelotet werden.

 

ARTMAPP: Der Einfluss der Ästhetik japanischer Kunst auf das Werk Hecks ist nicht zu unterschätzen – interessanterweise zeigen Sie in Ihrer Galerie auch immer wieder japanische Fotokunst …

CG: Japanische und zum Teil auch koreanische Fotografie ­vermag es, mit ihrer kontemplativ geprägten Bildsprache ­immer wieder auch durch westliche Ästhetik geschulte ­Augen in ­ihren Bann zu schlagen. Eine einzigartige Ästhetik paart sich mit einer subtilen Sicht auf den spirituellen Reichtum dieser Länder und macht ihre Fotografie zu einem einmaligen Erlebnis.

 

ARTMAPP: „Ich wollte schon immer Kunst ­machen, die vor allem schön ist; Werke, die beim Anschauen eine emotionale Reaktion auslösen. Doch Schönheit ist heute ein fast verpönter Begriff, vor allem im Kunstbereich“, so sagt der Künstler. Ist Schönheit heute tatsächlich verpönt?

CG: Über Schönheit in der Kunst wird schon seit über 200 Jahren philosophiert. Zu oft und zu Unrecht wird jedoch Schönheit zur Dekoration oder zum Unkünstlerischen ­verdammt, viele große Künstler der Vergangenheit und ­Gegenwart beweisen das Gegenteil. Ich bin wie Erik davon überzeugt, dass keine Gesellschaft ohne Schönheit funktioniert.

 

ARTMAPP: Auf diesen Seiten zeigen wir auch das Werk von Sarah Moon. Wie finden Sie ihre Arbeiten?

CG: Ich bin ein großer Bewunderer von Sarah Moons Arbeiten und hatte im Jahr 2009 eine Einzelausstellung für sie in Zürich organisiert.

 

 

 

 

Interview mit Matthias Harder,

Helmut Newton Foundation, Berlin

 

ARTMAPP: Matthias Harder, in der Helmut ­Newton Foundation in Berlin ist derzeit die Ausstellung „Between Art & Fashion. Photographs from the Collection of Carla Sozzani“ zu sehen. Carla ­Sozzani, einst Chefredakteurin der italienischen „Elle“ und „Vogue“, war auch Galeristin und hat über viele Jahre selbst Fotografie gesammelt. Was zeichnet Sozzani als Sammlerin aus?

Matthias Harder: Bei Carla Sozzani fällt am Ende alles wieder in eins: die Arbeit als langjährige Moderedakteurin und redaktionelle Brückenbauerin, als neugierige und ein­flussreiche Galeristin sowie persönliche Vorlieben als Fan nahezu aller künstlerischen Medien. Ihre Fotosammlung entstand aus all diesen Beschäftigungsfeldern und Passionen. Seit den 1990er-Jahren kaufte sie die unterschiedlichsten Fotografien verschiedener Genres, vorwiegend in Schwarz-Weiß. Andere wurden ihr geschenkt, so auch von Helmut Newton. Er hat ja insgesamt viermal in ihrer Mailänder Galerie ausgestellt – und wird nun posthum in der allerneuesten Filiale von „Corso Como“ mit angeschlossener Galleria Carla Sozzani in New York mit den 45-teiligen „Private Property Suites“ präsentiert. Sozzanis Sammlung – respektive ihr ­momentaner Zwischenzustand – ist eine völlig subjektive und unsystematische, aber gleichwohl augenöffnende ­Zusammenstellung. Wir sind glücklich, dass wir einen Ausschnitt daraus erstmals in Berlin zeigen können. Denn es gibt international nur sehr wenige Privatsammlungen zur Modefotografie – und darüber hinaus – von einer solchen formalen und inhaltlichen Qualität.

 

ARTMAPP: Sozzani interessierte sich besonders für die Schnittstellen von Kunst, Design und Mode, wie Ihre Ausstellung in der Helmut Newton ­Foundation zeigt. Unter anderem präsentierte sie in ihrer Mailänder Galerie neben Helmut Newton, Annie Leibovitz, Paolo Roversi, David Bailey, Hiro oder David LaChapelle auch Sarah Moon, der Sie in Berlin nun viel Ausstellungsfläche einräumen. Was fasziniert Sie an der Fotografie Moons?

MH: Sarah Moon lässt uns träumen. Sie zeigt die Mode von Yamamoto, Alaïa und anderen, wie wir nun endlich auch in der Helmut Newton Foundation sehen können, unscharf und marginalisiert – ja, geradezu atmosphärisch hingehaucht. Dieser Ansatz ist in der zeitgenössischen Fotografie selten.

 

ARTMAPP: Die 1941 geborene Künstlerin gab sich 1970 den Künstlernamen Sarah Moon und begann nach ihrer erfolgreichen Laufbahn als Model eine zweite Karriere als professionelle Fotografin. Als Autodidaktin entwickelte sie schon bald eine sehr ungewöhnliche, poetische Bildsprache. Wo sehen Sie Vorbilder für dieses Werk?

MH: In der aktuellen Sammlungspräsentation von Carla ­Sozzani ist es möglich, so kann man sagen, eines dieser ­Vorbilder studieren, und zwar Lillian Bassmann, von der ich für unsere Ausstellung gleich sechs großformatige Abzüge aus­gewählt habe. Manche Künstler oder Fotografen sind nur durch ein Bild repräsentiert, doch manchmal – wie hier – auch durch mehrere Werke, um unterschiedliche, innovative ­Aspekte herauszustellen: Bassmann hat bereits in den 1940er-Jahren, also vor Newton, in drei Bereichen gearbeitet: Mode, Porträt und Akt. Diese Bilder wurden vorzugsweise in „Harper’s ­Bazaar“ publiziert. Durch besagte sechs Schwarz-Weiß-Fotografien präsentiere ich insofern eine ­Vorläuferin Newtons – und sie hat ebenfalls mit fotogra­fischen Unschärfen gearbeitet, die uns Jahrzehnte später ähnlich bei Sarah Moon wiederbegegnen. Für mich ist es kein Zufall, dass sich jeweils mehrere Arbeiten Bassmanns und Moons in Carla Sozzanis Sammlung befinden.

 

ARTMAPP: Sarah Moon sprach einmal von der Fotografie als „Seele des Moments, den man gerade eben zu Ende gehen sah“ …

MH: Das ist eine schöne Formulierung, die man ihr, wenn man die Fotografin einmal kennengelernt hat, als authen­tische Äußerung glauben mag. Sie spricht nicht von einem „Moment“, sondern von der „Seele eines Moments“ – und ­diese scheinen wir mit Blick auf ihre Fotografien zu spüren. Natürlich steckt parallel auch ein Verblassen der Schönheit ­darin, gewissermaßen ein Vanitas-Moment.

 

ARTMAPP: Sind die Arbeiten Sarah Moons in ihrer malerischen Mehrdeutigkeit eigentlich noch der Modefotografie zuzuordnen?

MH: Selbstverständlich ist dies Modefotografie! Und ­gleichzeitig „Mood Photography“. Ein Produkt wird innerhalb einer Auftragsarbeit für die Modeklienten oder für das ­Zeitschrifteneditorial so verunklärt, dass visuell nur noch eine Anmutung, eine Stimmung davon, transportiert wird. Gerade eben ist ein neues Übersichtswerk zur Modefotografie erschienen, „Icons of Style“, herausgegeben von Paul ­Martineau vom Fotografie-Department des J. Paul Getty ­Museums in Los Angeles – und ein Modebild Sarah Moons ziert das Cover. Wenn so etwas geschieht, kann man sagen: Sie steht heute geradezu für die Modefotografie – wie Helmut Newton zu seinen Lebzeiten, der in der erwähnten Publika­tion natürlich ebenfalls nicht fehlt.

 

ARTMAPP: Hat dieses elegante und geheimnis­volle Werk Sarah Moons heute Nachfolger? Wie sehen Sie etwa die Bilder von Erik Madigan Heck, die wir auf diesen Seiten auch vorstellen?

MH: Wenn Künstler und Fotografen erfolgreich sind, gibt es immer Kollegen, die formal folgen, sei es als Plagiatoren oder schlicht inspiriert. Ich persönlich schätze die Fotografien von Donata Wenders, die vergleichbar zeitlos und flüchtig erscheinen. Sie verwendet unter anderem halbtransparente Stoffe und arrangiert sie beim Porträtieren vor den meist weiblichen Modellen. Donata Wenders fotografiert auch „en plein air“, etwa während es schneit, wodurch sich die Figuren im Bildhintergrund in vage dunkle Schemen aufzulösen scheinen. Vielleicht entspricht diese zurückhaltende, zarte Annäherung eher einem weiblichen Blick auf Mode und ­Menschen. Erik Madigan Heck ist dagegen weniger zeitlos, sondern sehr zeitgenössisch. Er arbeitet zumeist mit teilweise extremen Farbkontrasten und einer geradezu klinischen Schärfe, die Stoffe und Schnitte klar nachzeichnet. Doch ­zugegeben, manche Passagen in einigen seiner Modebilder wirken ebenfalls „wie gemalt“ oder weichgezeichnet – ­ähnlich wie bei Sarah Moon. Sein noch junges und relativ heterogenes Werk birgt viele interessante Überraschungen; ich werde es weiterhin beobachten.

 

 

 

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12/2018

 

 

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