Ja, ich stimme zu.

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Ottmar Hörl, „Joseph Beuys“, 2009,

grauer Kunststoff, 48 x 35 x 41 cm,

mit MDF-Sockel (Gesamthöhe: 110 cm),

Foto: Werner Scheuermann

 

Auflage: 64 Exemplare,

Stückpreis: 1.900 € zzgl. Versandkosten

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Joseph Beuys-Büste

von Ottmar Hörl

 zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys

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Details

Das Magazin und die App für Kunst und Reisen

Interview mit Matthias Harder,

Direktor und Kurator der Helmut Newton Stiftung, Berlin

Helmut Newtons „Legacy“

Ich mache mir um die Entwicklung der Fotografie überhaupt keine Sorgen

 

Matthias Harder

Der 1965 in Kiel geborene Matthias Harder ist einer der ­profiliertesten Fototheoretiker, Kuratoren und Ausstellungsmacher in Deutschland. Der Kunsthistoriker, der über Walter Hege und Herbert List promovierte, hat bereits 1995 seinen ersten Ausstellungsraum „empty rooms“ in Berlin eröffnet und kuratierte seitdem viele Ausstellungen – unter anderem für das Münchner Stadtmuseum, die nGbK − neue Gesellschaft für bildende Kunst, den Neuen Berliner Kunstverein, den Martin-Gropius-Bau, das Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum, das ifa Berlin und Stuttgart, das Palais für ­aktuelle Kunst in Glückstadt und seit 2004 für die Helmut Newton Stiftung in Berlin, wo er bis heute als Direktor und Kurator arbeitet. Er schreibt Katalogbeiträge, arbeitet für Kunstmagazine und unterrichtet zudem an der Freien Universität und an der Neuen Schule für Fotografie. Marc Peschke sprach mit ihm über neue und alte Projekte …

 

ARTMAPP: Lieber Matthias, in einem Interview, das wir 2009 miteinander gemacht haben, sagtest du über Helmut Newton, er sei dem Zeitgeist ­immer eine Nasenlänge voraus gewesen. Hat sich dein Blick auf Newton in den vergangenen 13 Jahren noch einmal verändert? Siehst du ihn heute anders als in der Anfangszeit deiner Tätigkeit für die Stiftung?

Matthias Harder: Natürlich sehe ich Newton und seine Fotografie anders, denn ich lerne ja seit 2004 immer mehr davon kennen. Es ist ein wahrhaft beeindruckendes Werk, vor allem in den drei Hauptgenres Mode, Porträt und Akt, aber er war ja auch auf manchen „Nebengleisen“ unterwegs. All das kann ich in interessante Gruppenausstellungen münden lassen, und so waren die Gegenüberstellungen mit Werken von ­Robert Mapplethorpe, Cindy Sherman, Vanessa Beecroft, ­Robert Longo, Saul Leiter, David Lynch, Sheila Metzner oder Joel Meyerowitz in den letzten Jahren für mich ein großes Vergnügen. Die Aussage, er sei dem Zeitgeist immer eine ­Nasenlänge voraus gewesen, würde ich übrigens heute immer noch so treffen.

 

ARTMAPP: Wir sprachen damals auch über das Thema des Epigonentums in der aktuellen Foto­grafie. Hat die Fotokunst noch immer dieses ­Problem? Wie siehst du die Gegenwart der ­Fotografie und Fotokunst?

MH: Newton und manche seiner Kollegen, etwa Avedon, Penn, Bourdin oder Lindbergh, haben die Latte schon ­ziemlich hoch gehängt. Weniger talentierte oder mutige ­Fotografinnen und Fotografen orientieren sich im eigenen Werk häufig an solchen Vorbildern. So entstehen immer wieder Bilder, die uns irgendwie bekannt vorkommen; manchmal ist es aber durchaus pures Epigonentum, über das ich mich schon wundere. Newton selbst lebte natürlich genauso wenig im luftleeren Raum, auch er hat sich inspirieren lassen, etwa vom Medium Film, von Hitchcock, „James Bond“, Fellini oder von der Literatur, beispielsweise von Schnitzlers „Traumnovelle“ bis zu den Kriminalromanen von Raymond Chandler. Die visuelle Transformation funktionierte in solchen Fällen natürlich intermedial und recht subtil. Mich fasziniert die zeitgenössische Fotografie und Fotokunst weiterhin; ich schreibe viele Katalogtexte für die unterschiedlichsten Bildautoren, und jede Position muss mich in solchen Fällen irgendwie berühren oder packen. Ich mache mir um die Entwicklung der Fotografie, ob analog oder digital, überhaupt keine Sorgen.

 

ARTMAPP: Hat sich dein Blick auf die Fotografie in all den Jahren verändert? Geht von ihr noch dieselbe Faszination aus wie früher – um in deinen Worten zu sprechen, die „Wirkungsmacht“?

MH: Ja, absolut! Ich spüre weiterhin die gleiche Faszination für das Medium wie vor 27 Jahren, als ich meine erste Ausstellung an der nGbK Berlin co-kuratieren durfte. Natürlich hat sich mein Blick auf die Fotografie in all diesen Jahren verändert, ich war seitdem an verschiedenen Häusern tätig, habe große Fotoarchive aufgearbeitet, in zahlreichen Jurys oder in Portfolio-Reviews gesessen, habe befreundete Privatsammler beraten, Fotostudierende unterrichtet und unzählige Texte geschrieben. Die Wirkungsmacht des Mediums ist für mich sehr groß geblieben, und ich denke, das gilt auch für viele andere Menschen, die wie ich begeistert Fotoausstellungen besuchen.

 

ARTMAPP: Kommen wir mal in die Gegenwart,

zu deiner Arbeit aktuell. Ihr zeigt in der Helmut Newton Stiftung bis zum 15. Mai die Jubiläumsschau „Helmut Newton. Legacy“ anlässlich des 101. Geburtstags Newtons − eine große Retrospektive mit 300 Werken, die chronologisch angelegt ist. Wovon hast du dich bei deiner Auswahl aus diesem Riesenwerk leiten lassen?

MH: Diese Ausstellung sollte die Menschen überraschen, auch diejenigen, die Newtons Werk bereits recht gut kennen. Und das ist ganz gut aufgegangen, denke ich. Die Ausstellung tourt nach der Berliner Präsentation und insofern musste die neue Retrospektive auch ikonische Bilder enthalten, die die Menschen in Belgien, Österreich, Italien und Frankreich ansonsten vermissen würden.

 

ARTMAPP: Und wie lief das Prozedere genau?

MH: Ich habe parallel für diese Ausstellung sehr intensiv das hauseigene Archiv gesichtet, etwa die frühen Zeitschriften aus den 1960ern und 1970ern, Tausende von Kontaktbögen, Workprints und Polaroids. Und wenn es Markierungen auf den Kontaktbögen gab oder größere gestempelte oder sig­nierte Abzüge, wenn die Bildmotive zu Newtons Lebzeiten publiziert wurden, sind sie für eine mögliche Auswahl ­le­gitimiert. Aus dieser Auswahl habe ich möglichst neue, überraschende Motive für die Retro ergänzt. Das Ganze habe ich erstmals streng chronologisch angeordnet, so können die Besucher die Genese eines der erfolgreichsten fotografischen Werke gut nachvollziehen. Jeder Ausstellungsraum ist anders, nicht nur farblich, sondern ebenso thematisch und was die Präsentation betrifft.

 

ARTMAPP: Zur Ausstellung ist ein Buch ­erschienen. Wie ist es konzipiert und wer sollte es unbedingt kaufen?

MH: Auch das begleitende Buch ist chronologisch aufgebaut, mit den gleichen Kapiteln wie in der Ausstellung; allerdings ist nicht jedes Bild, das an der Wand hängt, im Buch reproduziert – und umgekehrt. Verlegt wurde es von Taschen und erneut ist es eine großformatige dreisprachige Publikation geworden, sehr gut gedruckt, in einem tollen Layout. Es liegt nun überall auf der Welt in den Buchläden – und diese Distribution des Newton’schen Werkes ist für uns ebenfalls wichtig, denn sie entspricht unserem Credo: Keep him alive. Ich kann allen nur empfehlen, das Buch zu kaufen, auch denjenigen, die schon andere Newton-Publikationen besitzen.

 

ARTMAPP: Wie geht’s denn weiter? Was sind deine Pläne für die kommenden Monate?

MH: Im Sommer eröffnen wir die Gruppenausstellung ­„Hollywood“. Wie du sicher weißt, war Newton sehr filmbegeistert, sodass sein Werk auch zahlreiche kinematografische Anklänge enthält. Er selbst verbrachte die Wintermonate seit den 1980er-Jahren im Hotel „Chateau Marmont“, einem ­legendären Treffpunkt vieler Hollywoodstars. Und dann begann er diese zu porträtieren. Er liebte L. A., und so gibt diese Ausstellung, in der ich außerdem Arbeiten und Werkgruppen von 13 anderen Fotografinnen und Fotografen zeige, also ­deren Interpretationen von Hollywood und Los Angeles, in unserem Haus ein sinnvolles und zugleich größeres Panorama. Es folgt eine Soloshow von Newton, die seiner rein kommerziellen Fotografie der 1980er- und 1990er-Jahre ­gewidmet ist: ziemlich spannendes und teilweise völlig unbekanntes Material. Und im Sommer 2023 folgt die große Retrospektive von June Newton alias Alice Springs anlässlich ihres 100. Geburtstages. Dafür werde ich dann wieder intensiv und tief in unser Stiftungsarchiv eintauchen und die eine oder andere internationale Übernahmestation suchen.

 

www.helmut-newton-foundation.org

 

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3/2022

 

 

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