Ja, ich stimme zu.

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Ottmar Hörl, „Joseph Beuys“, 2009,

grauer Kunststoff, 48 x 35 x 41 cm,

mit MDF-Sockel (Gesamthöhe: 110 cm),

Foto: Werner Scheuermann

 

Auflage: 64 Exemplare,

Stückpreis: 1.900 € zzgl. Versandkosten

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von Ottmar Hörl

 zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys

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Paula Modersohn-Becker: Umfassende Retrospektive in Frankfurt am Main

Eine Frau auf der Suche nach ihrem eigenen Weg

Christoph Schütte im Interview mit Ingrid Pfeiffer,

Kuratorin der Schirn Kunsthalle

Zu Lebzeiten notorisch erfolglos, nach ihrem Tod im Kindbett rasch zum Mythos geworden: Das Leben von Paula Modersohn-Becker bietet Stoff für vielerlei Erzählungen. In der Schirn Kunsthalle Frankfurt ist bis 6. Februar 2022 eine ­Retrospektive zu sehen, die mancherlei Überraschungen ­bietet. Kuratiert hat die Schau Ingrid Pfeiffer, die in den vergangenen Jahren immer wieder das Werk insbesondere von Künstlerinnen in monografisch oder thematisch motivierten Ausstellungen gewürdigt hat.

 

ARTMAPP: Frau Pfeiffer, Modersohn-Becker ­gehört sicher zu den herausragenden und wohl auch zu den bekanntesten Künstlerinnen des begin­nenden 20. Jahrhunderts. Sie war schon früh ein Mythos. Was macht diesen Mythos aus?

Ingrid Pfeiffer: Als Modersohn-Becker 1907 starb, kannten selbst ihre engsten Freunde und ihr Mann Otto Modersohn nur einen Bruchteil ihres Werkes von 734 Gemälden und rund 1.500 Arbeiten auf Papier. Sie öffneten das Atelier und waren laut Berichten von der Qualität und Modernität ihres Schaffens überrascht. Parallel zum beginnenden Expressionismus wurden mehrere umfassende Gedächtnisausstellungen organisiert und besonders nach dem Erscheinen ihrer Briefe und Tagebücher (allerdings in stark gekürzter und geschönter Form) war es möglich, sie zur tragischen und verkannten ­Figur (und Frau) zu stilisieren. Eine neue Sammlergeneration und Museen kauften Werke an. 1927 wurde ihr als erster Künstlerin überhaupt ein eigenes Museum in Bremen gewidmet. Die Rezeption im 20. Jahrhundert war ein Auf und Ab aus Verfemung in der Nazizeit und Stilisierung zur „Weg­bereiterin der Moderne“, je nach Perspektive.

 

ARTMAPP: Zu Lebzeiten notorisch erfolglos, ­wurde ihr Werk nach ihrem Tod vergleichsweise früh gewürdigt. Trotzdem hat es mit der Auf­nahme in den Kanon gedauert. Warum?

IP: Modersohn-Beckers Werk entstand früher als der deutsche Expressionismus, außerdem war sie die Frau eines Künstlers und wurde häufig nur lokal verortet, in Norddeutschland, in Worpswede, das erschwerte lange die objektive Betrachtung ihrer künstlerischen Leistung.

 

ARTMAPP: Das hat sich nun gründlich geändert. Allein in den vergangenen zehn, 15 Jahren, etwa zu ihrem 100. Todestag, gab es zahlreiche monogra­fische Ausstellungen zu ihrem Frühwerk, zu den Landschaften oder als Pionierin der Moderne. Was kann dem eine Retrospektive wie jene in der Schirn Kunsthalle hinzufügen?

IP: Das ist nur die halbe Wahrheit. Eine umfassende Aus­stellung mit allen Werkgruppen gab es zuletzt 1997 in München! Und heute stellen wir ganz andere Fragen. Wir ­haben durch den an Gegenwartskunst geschulten Blick eine völlig veränderte Perspektive auf ein solches Werk. So können wir viel freier mit Brüchen oder stilistischer Vielfalt umgehen als früher. Gerade das lässt das Werk Modersohn-Beckers vielfältig und aufregend erscheinen. Darüber hinaus zeigt ­unsere Ausstellung auch viele selten gezeigte Arbeiten aus den USA und zum Teil lebensgroße Aktzeichnungen. Da ist noch viel zu entdecken.

 

ARTMAPP: Das stimmt natürlich. Aber Modersohn-Becker ist vergleichsweise populär. Es gibt die Biografie von Barbara Beuys, 2016 kam Christian Schwochows „Paula“ in die Kinos und schon seit den 1920er-Jahren ist ihr ein Museum gewidmet. Wo sind die weißen Flecken?

IP: Viele Biografien und auch der populäre Film behandeln immer nur die Frau und ihr „tragisches“ Schicksal. Unsere Ausstellung will stattdessen das Werk in den Vordergrund stellen, die malerische Qualität. Es gibt Ansätze zur Abstraktion, große Formate, radikale Ausschnitthaftigkeit, das nahe Heranrücken des Motivs im Rahmen, viele Experimente mit Material und Oberfläche … 116 Arbeiten aus allen wichtigen Werkgruppen sollen für sich sprechen und möglichst klischeefrei die Wucht und Radikalität ihrer Arbeiten erlebbar werden lassen.

 

ARTMAPP: Welche Werkgruppen sind das?

IP: Das sind vor allem die Selbstporträts, die Porträts von Kindern, die Landschaften und Stillleben, aber auch lebensgroße Akte, die kaum jemand kennt. Darüber hinaus gibt es genügend vertiefende Informationen in Form von Wandtexten, Audioguide, bebilderter Biografie usw., doch im Vordergrund steht die direkte Kommunikation zwischen den Arbeiten und uns Betrachtenden. Dafür haben wir eine spezielle Archi­tektur gebaut, bestimmte Wandfarben gewählt und alles möglichst perfekt beleuchtet.

 

ARTMAPP: Besonders ähnlich sieht sie sich auf den Selbstbildnissen aber eigentlich nicht, wenn man von den Fotografien im dokumentarischen, das Leben Modersohn-Beckers skizzierenden Teil der Ausstellung in der Rotunde der Schirn ausgeht. Und auch in den Porträts ging es ihr offenbar ­weniger um realistische Bildnisse.

IP: Modersohn-Becker suchte nach „inneren“ Bildern, auch und gerade bei den Porträts von Freunden und Familie. So schilderte sie Rainer Maria Rilke zwar sehr kubisch-abstrakt, aber mit geöffnetem Mund als einen Mann der Sprache. Man erkennt ihn, obwohl es kein realistisches Porträt ist. Und in ihren rund 60 Selbstporträts reflektierte die Künstlerin zunächst einmal ihre eigene Rolle und spielte alle Stile durch, denn sie entstanden kontinuierlich vom Beginn ihres Werkes bis zum Schluss. Dabei sind es vor allem die Augen, die ihren Fotografien ähneln. Sie sind groß, dunkel und intensiv. Die Künstlerin war sehr belesen und auch der Kunsttheorie gegenüber aufgeschlossen: „Geistige Interessen hat Paula mehr als irgendeine“, schrieb Otto Modersohn über sie.

 

ARTMAPP: Angesichts Ihrer Karriere in den vergangenen 20 Jahren fallen immer wieder besondere Ausstellungen auf, populäre ebenso wie äußerst überraschende. Und wenn man an Ausstellungen wie die „Impressionistinnen“, zu Yoko Ono, zu den Sturm-Frauen vor ein paar Jahren oder die „Fan­tastischen Frauen“ im letzten Jahr denkt, möchte man meinen, Sie interessierten sich vor allem für die Frau in der Kunst. Ist das so? Oder was hält ihre kuratorische Tätigkeit zusammen?

IP: Seit den „Impressionistinnen“ 2008 ist mir besonders bewusst geworden, dass die Kunstgeschichte nur ein Konstrukt ist, in dem besonders viele Künstlerinnen durch die Maschen gefallen sind. Viele von ihnen waren großartig und einzigartig, und ich finde es ohnehin langweilig, immer nur dieselben Künstler zu zeigen. Außerdem ist vielen Menschen gar nicht bewusst, dass es zu allen Zeiten auch Künstlerinnen gegeben hat. Da ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Soziologische Fragen nach Kontext und Rezeption sind ohnehin sehr spannend, so etwa bei der Ausstellung „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“, da waren übrigens auch 30 Prozent der Werke von Frauen. Natürlich müssen ebenso manche Männer neu und wiederentdeckt werden – etwa der Wiener Maler Richard Gerstl vor vier Jahren. Bei Modersohn-Becker reizt es mich, allzu Bekanntes und (aus meiner Sicht falsch) Kategorisiertes erneut auf den Prüfstand zu stellen.

 

ARTMAPP: Wenn wir jetzt durch die Ausstellung gehen, so fällt auf, dass Modersohn-Becker die Kunstgeschichte, aber auch die Malerei ihrer Zeit offenbar sehr gut kannte. Wie kommt das zustande? Für eine Künstlerin aus dem Teufelsmoor?

IP: Modersohn-Becker kam aus einer gebildeten Familie in Bremen, wuchs bürgerlich auf, die Familie mütterlicherseits war sogar adelig. Sie schaute permanent Ausstellungen an und ging in Museen, nicht nur bei ihren vier Parisaufenthalten, sondern genauso auf Reisen in Deutschland. Ihr ganzes Denken kreiste um künstlerische Fragen und sie arbeitete sehr intensiv und mit straffem Tagesablauf.

 

ARTMAPP: Dabei fällt immer wieder die unge­heure Breite ihrer Referenzen auf. Mag man hier an Holbein oder Lucas Cranach denken, dort an Cézanne, an Henri Rousseau vielleicht, an den Picasso der „blauen Periode“ oder an Natalja Gontscharowa.

IP: Sie war eine junge Frau auf der Suche nach ihrem eigenen Weg. Ich denke, die Ausstellung zeigt sehr gut die inneren ­roten Fäden in ihrem Werk, und zwar von Anfang an. Es ist symptomatisch, dass Modersohn-Becker sich vor allem mit der Kunstgeschichte auseinandergesetzt hat, besonders auch mit außereuropäischer Kunst wie den Skulpturen der Khmer oder den römisch-ägyptischen Mumienporträts. Sie suchte nach Reduktion und Vereinfachung, nach Statik und Zeit­losigkeit, nach überindividuellen Bildern für Alter, Kindheit, Mutterschaft, Menschsein. Mit Symbolen wie Früchten und Blumen versetzte sie ihre Figuren in eine andere, von der Gegenwart losgelöste Welt. Vielleicht war das unbewusst eine Form der Flucht vor einer Umgebung, die ihren Arbeiten verständnislos gegenüberstand.

 

ARTMAPP: Aber wo steht, wo bleibt dann Modersohn-Becker bei all den offenliegenden Verweisen? Was zeichnet ihr Werk am Ende aus?

IP: Auch wenn Modersohn-Becker eine Armenhäuslerin mit Farben malte, die an Gauguin erinnern, so bleibt es doch eine Armenhäuslerin mit groben Händen und dicker Nase, als die Otto Modersohn ihre Figuren einmal charakterisierte.

 

ARTMAPP: Zugleich fällt auf, und die Ausstellung unterstreicht das, dass von den rund 750 Gemälden ihres in gerade einmal zehn Jahren entstandenen Werks mehr als die Hälfte Kinderbilder vorstellen. Wie kommt das?

IP: Modersohn-Becker suchte in Worpswede nach Modellen und konnte nicht viel bezahlen, deshalb griff sie oft auf Kinder und alte Menschen zurück, die tagsüber nicht arbeiten mussten und die ihr leicht zur Verfügung standen. Ihre Bilder von Kindern aber unterscheiden sich sehr von der damals populären Art, Kinder als unschuldige, fröhlich spielende Wesen darzustellen. Bei ihr wirken sie oft wie fremde Geschöpfe, stehen vor weitem Himmel, sind wie in sich versunken, lächeln nie. Es ist eine große und äußerst vielfältige Serie, in der die Künstlerin experimentiert hat. Manches wirkt fast abstrakt, es gibt auch viele malerische Varianten, so sitzt die Farbe sehr dick oder sie kratzte mit dem Pinselstiel in die noch feuchte Oberfläche hinein.

 

ARTMAPP: Das Thema Mutterschaft, also ihr eigener Kinderwunsch, spielt da aus Ihrer Sicht keine so große Rolle? Immerhin kreist mit dem „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“, in dem Modersohn-Becker sich schwanger porträtiert, ohne es zu sein, eines ihrer Hauptwerke um dieses Thema.

IP: Das Bild ist sehr komplex, es spielt mit den Widersprüchen, denn Modersohn-Becker hatte Otto verlassen und ihm ­geschrieben, dass sie zu diesem Zeitpunkt gar kein Kind wolle. Sie unterschrieb nur mit „P. B.“ (Paula Becker). Im Louvre ­hatte sie oft die Venus von Lucas Cranach nachgezeichnet, auch sie hat immer diesen gewölbten Bauch. Manche deuten das Bild so, dass sie sich doppelt „potent“ dargestellt hat, als jemand, der sowohl eines Tages Leben hervorbringen könnte. Im Moment der Entstehung brachte sie aber vor allem Kunst hervor.

 

ARTMAPP: Worauf ich hinauswill, schon ­Heinrich Vogelers Grabmal für Modersohn-Becker erscheint von ungeheurem Pathos. Nun fügt sich die Schau in der Schirn Kunsthalle ein in eine ganze Reihe aktueller Ausstellungen, die sich mit der Frau als Künstlerin, als Mutter, als Modell oder als ­Protagonistin der Moderne beschäftigen. Kann das Zufall sein?

IP: Ich denke, es ist wichtig, das Werk von heute aus zu betrachten und auf seine Aktualität hin zu hinterfragen. Darauf kommt es in dieser Ausstellung an. Und ich denke, selbst ­Kenner des Werkes oder diejenigen, die der Künstlerin mit Vorurteilen begegnen, werden überrascht sein.

 

www.schirn.de

 

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11/2021

 

 

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