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nicole fritz, kunsthalle tübingen

 

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Direktorin der Kunsthalle Tübingen

Interview mit Nicole Fritz

Dr. Nicole Fritz ist seit 2018 Direktorin und Vorstand der Stiftung Kunsthalle Tübingen. Sie studierte Kunstgeschichte und Empirische Kulturwissenschaft in Tübingen, arbeitete an der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, der Kunsthalle Krems und international als freie Ausstellungsmacherin. Von 2011 bis 2018 war sie Gründungsdirektorin des Kunstmuseums Ravensburg (2015 Museum des Jahres). Fritz ist Mitglied in Jurys und Berufungskommissionen. Sie hatte 2025 eine Gastprofessur an der Hochschule der Bildenden Künste Saar inne und ist seit 2020 Mitglied des Hochschulrates der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Amrei Heyne sprach mit Nicole Fritz über ihre Arbeit und Vision.

 

ARTMAPP: Hand aufs Herz! Traumberuf ­Museumsdirektorin?! War es früh Ihr Wunsch, ein Haus für die Kunst zu leiten und warum?

Nicole Fritz: Nein, eigentlich hat sich das schrittweise ­ergeben. Ich wusste schon sehr früh, dass das Feld der Kunst meine Heimat werden wird. Ich hatte ­dabei jedoch ­keine Funktion vor Augen. Die Ämter wurden irgendwann an mich herangetragen und folgten zum Glück dann als ­Reaktion auf mein Tun. Am Anfang stand meine Leidenschaft, ­Ausstellungen machen zu wollen. Dabei hat mich vor allem der Umgang mit der nicht sprachlichen Ausdrucksform der Kunst fasziniert. Bildende Kunst spricht unsere Sinne an und ermöglicht, mit uns selbst und mit anderen in Resonanz zu gehen. Darüber können wir aber auch Jahr­hunderte später aus der „Distanz der Besonnenheit“ (Aby Warburg) von ­Werken etwas über uns selbst lernen. Mich reizt, diese Fragen von Kunst und Gesellschaft zu ­erforschen. Dabei ist es mir ein Anliegen, in Themenausstellungen, ­beispielsweise bei ­„Sisters & Brothers“, die erste Ausstellung, die die Geschwisterbeziehung in der Kunst­geschichte bearbeitete, Erkenntnisse über die Conditio humana zu ­vermitteln. Ich bin überglücklich, dass ich mittlerweile fast 100 Ausstellungen ­kuratieren und realisieren konnte. Ein Haus zu leiten, gibt mir darüber hinaus die Möglichkeit, die Atmosphäre im Hier und Jetzt zu gestalten.

 

ARTMAPP: Marina Abramović, Daniel Richter, Alex Katz, Lars Eidinger … sie alle kommen nach Tübingen. Mit Verlaub, die Kunsthalle ist nicht der Gropius Bau und Tübingen nicht Hamburg oder München. Was ist Ihr Geheimnis?

NF: Ja, wir sind ein etwas außerhalb der Stadt gelegener ­Kunstort und deshalb ist es auch für uns existenziell bei aller Zeitgenossenschaft, das Publikum im Blick zu haben. Die Wahl der Ausstellungsthemen und die Ansprache der Künstlerinnen und Künstler verläuft bei mir jedoch nicht aus strategischen Überlegungen. Es sind Themen oder Fragen, die am Anfang einer Zusammenarbeit stehen, die mich bei einer Position brennend interessieren. Oft ist es ein Aspekt, der mir auffällt, der noch nicht bearbeitet wurde, wie das Spirituelle im Werk von Marina Abramović, der Bezug zur Gesellschaft bei Daniel Richter oder die Frage, wie und warum die Bewegung in die Malerei bei Alex Katz gekommen ist. Eine Frage, die ich in der derzeitigen Ausstellung „Dancing with Rea­lity“ behandele. Bei Lars Eidinger – eine Ausstellung, die wir im Herbst zeigen − interessiert es mich, die Verwandtschaft ­seines Ansatzes zur Kunst der 1960er-Jahre und Berührungslinien zu unserer Sammlung aufzuzeigen. Ich habe ihn kontaktiert und er hat zugestimmt, seine Foto­grafien im ­Dialog mit unserer Sammlung zu zeigen. Alle Künstlerinnen und Künstler waren an einer intensiven Auseinandersetzung interessiert. Das ist, denke ich, die ­Voraussetzung, um gemeinsam im Prozess etwas interessantes Drittes zu entwickeln.

 

ARTMAPP: Sie scheinen Preise zu sammeln, wie wunderbar! Nach dem Lotto Museumspreis ­Baden-Württemberg 2022 hat die Kunsthalle ­Tübingen jetzt einen Sonderpreis von der ­Commerzbank-Stiftung „ZukunftsGut“ erhalten und ist auf der Shortlist für den renommierten Art Museums Award (AMA) der European Museums Academy. Wie führt man die Kunsthalle Tübingen in herausfordernder Zeit in die Zukunft und was braucht es heute, um die Menschen wieder mehr ins Kunstmuseum zu locken?

NF: Ich glaube gar nicht, dass wir wieder mehr Menschen ins Kunstmuseum locken müssen. Das Interesse an bildender Kunst und an Events um die Kunst herum ist ­mittlerweile in der Breite angelangt. Wir müssen vielmehr aufpassen, dass die Besucherzahlen nicht zu unserem ­einzigen Maßstab ­werden, unsere Arbeit zu messen. Ich möchte auch die ­Menschen erreichen, bin aber nicht ­bereit, auf die Vermittlung von In­halten zu verzichten und in Aktionismus und Eventisierung zu verfallen. Ich erwarte auch etwas von ­meinem Publikum. Für mich stellt sich eher die Frage, wie ­bekommt man die ­Besucherinnen und Besucher dazu, dass ­jemand wirklich ­anders – im besten Fall bewusster und ­bereicherter − aus ­unserem Haus herausgeht. Wie bringe ich Menschen dazu, über die Kunst zu reflektieren und mit sich und ­an­deren neue Erfahrungen zu machen, die über ein reines Konsumieren hinausgehen.

Im Umgang mit der Kunst liegt ja auch ein großes gesellschaftliches Potenzial. Kunstwerke ansehen, machen und darüber reflektieren kann helfen, sich in der Welt zu verorten und die menschlichen Fähigkeiten wie Fantasie, Kreativität und Intuition nachhaltig zu trainieren. Jede Stadt sollte sich einen solchen „Spielort der Kunst“ leisten und diesen pflegen, dass wir miteinander in Dialog kommen und nicht zu seelenlosen Maschinen werden.

 

ARTMAPP: Was bieten Sie in Ihrem Haus in dieser Hinsicht an?

NF: Mir ist es ein Anliegen, von der Kunst auszu­gehen. Wir erweitern die Resonanzsphäre der Kunst durch interaktive, inklusive und partizipative Vermittlung im Crossover mit Alltagsbereichen. Dazu arbeite ich mit einem großen Team an engagierten freien Künstlerinnen, Künstlern sowie Kunstvermittlerinnen und Kunstvermittlern zusammen. Für jede Ausstellung entwickeln wir innovative Formate, die auf die diversen Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppen reagieren. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der inter­disziplinären Aktivierung der Sinne, zum Beispiel bei Vintage-Duft-­Führungen mit Traumdeutung durch eine ­Psychoanalytikerin bis hin zu choreografischen Angeboten wie Tanz oder akustischen Führungen in Resonanz zu den Ausstellungen und Werken. Auch ermutigen wir ganz junge Menschen – so führen bei uns beispielsweise Kinder andere Kinder durch die Ausstellung.

 

ARTMAPP: Verraten Sie uns, welche Kunst Sie persönlich besonders schätzen und was bei Ihnen privat hängt?

NF: Ich bin da ganz offen und lasse mich immer wieder gern überraschen und berühren. Mich interessiert sowohl Kunst über Kunst, die werkbezogene Fragen weiterführt, wie auch Positionen, die eher gesellschaftliche Fragen spiegeln. Ehrlich gesagt hängt bei uns nur sehr wenig an den Wänden. Ich ­benötige zu Hause den unbesetzten Leerraum, um den Kopf frei zu haben für Ideen, die kommen, und für das nächste Ausstellungsthema.

 

Bis 13. September 2026

ALEX KATZ

DANCING WITH REALITY

 

10. Oktober 2026 bis 28. Februar 2027

LARS EIDINGER

PRESENT PERFECT. IM DIALOG
MIT DER SAMMLUNG

kunsthalle-tuebingen.de

 

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7/2026

 

 

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