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Katharina Beisiegel,
Kirchner Museum Davos

 

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Interview mit Katharina Beisiegel,
Kirchner Museum Davos

Die Konstante der Moderne

„Unser Vorteil ist,
dass Kirchner hier vor Ort gemalt hat“

 

Katharina Beisiegel

 

 

Das Kirchner Museum in Davos beeindruckt nicht nur mit ­einer großen Sammlung. Besuchende können gleich neben den Gemälden die Landschaft bewundern, die Kirchner ­inspiriert hat.

 

Am 12. September 2025 eröffnete das Kunstmuseum Bern mit der Schau „Kirchner x Kirchner“ eine bemerkenswerte Reihe mit Ausstellungen von Ernst Ludwig Kirchner. Im Kirchner Museum Davos sind noch bis 4. Januar 2026 in „Ausdruck in Linie und Farbe“ Zeichnungen und Aquarelle zu sehen. Und im Anschluss werden vom 15. Februar bis 3. Mai 2026 in Davos mit „Kirchner. Picasso“ zwei Künstler vor­gestellt, die eine radikale Bildsprache entwickelten und doch mit überraschenden Parallelen aufwarten. Obwohl sie sich nie persönlich begegneten, näherten sie sich in ihren Bildwelten und Stilen an. Eine Ausstellung des LWL-Museums für Kunst und Kultur, Münster (bis 18. Januar 2026), und des Kirchner Museums Davos.

 

ARTMAPP: Das Kirchner Museum Davos wurde 1982 gegründet. Zu den Gründungsmitgliedern zählten unter anderem der Berner Kunsthändler Eberhard W. Kornfeld und der deutsche Kunsthändler Roman Norbert Ketterer. Wie kam es zur Gründung des Kirchner Museums Davos?

Katharina Beisiegel: Die Geschichte des Kirchner Museums Davos reicht sogar bis in die 1960er-Jahre zurück. Der Berner Kunsthändler Eberhard W. Kornfeld hat die Häuser gekauft, in denen Ernst Ludwig Kirchner 1919 bis 1938 in Davos gelebt hat, und sie im Sommer fürs Publikum geöffnet. Dort waren Werke von Kirchner zu sehen, aber auch Originalmöbel. Später entwickelte sich die Idee, in Davos, an dem Ort, an dem Kirchner seine Werke geschaffen hatte, ein Museum zu errichten. Der Kirchner Verein Davos, aus dem das Museum hervorgegangen ist, wurde am 1. Juni 1982 gegründet und zunächst vom damaligen Kurdirektor Bruno Gerber geleitet. Die Gemeinde Davos stellte das Baugrundstück zur Verfügung. Roman Norbert Ketterer übernahm die gesamten Baukosten für das Museum und stiftete einen Teil seiner Sammlung, die bis heute über viele weitere Schenkungen erweitert wurde. Im September 1992 wurde der von Annette Gigon und Mike Guyer entworfene Museumsbau dann eröffnet.

 

ARTMAPP: Wie umfangreich, wie bedeutend ist die Sammlung des Kirchner Museums Davos?

KB: Es gibt viele wichtige Kirchner-Sammlungen in aller Welt. Wir haben hier in Davos die umfangreichste museale Sammlung, zu der auch viele Schlüsselwerke des Künstlers gehören. Wir besitzen Gemälde aus allen Schaffensphasen mit einem besonderen Schwerpunkt auf der Davoser Zeit. ­Zudem verfügen wir über das einzige Fotoarchiv und das ­Tagebuch des Künstlers. Außerdem hat Kirchner etwa 180 Skizzenbücher hinterlassen, 161 davon befinden sich in der Sammlung unseres Museums.

 

ARTMAPP: Wie hält man ein monografisches Museum lebendig?

KB: Wir setzen unter anderem auf den Dialog mit anderen Künstlern, mit Weggefährten Kirchners. Anfang nächsten Jahres zeigen wir die Ausstellung „Kirchner. Picasso“, die in Kooperation mit dem LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster entstanden ist, dort ist sie gerade auch zu sehen. Kirchner hat sich oft gewünscht, einmal gemeinsam mit ­Picasso ausgestellt zu werden.

 

ARTMAPP: Und Picasso?

KB: Dazu ist leider bis jetzt noch nichts überliefert.

 

ARTMAPP: Wie gehen Sie mit dem Standort des Museums um? Davos ist bekannt für Wintersport und Luxusboutiquen, nicht unbedingt für Kunst.

KB: Unser Vorteil ist, dass Kirchner hier vor Ort gemalt hat. Gigon und Guyer haben das sehr gut aufgenommen und das Museumsgebäude so gestaltet, dass es immer wieder Aus­blicke gibt, die eine Verbindung zur Landschaft und damit zu Motiven Kirchners schaffen.

 

ARTMAPP: Welche Verbindung hatte Kirchner zur Kunstszene der Schweiz?

KB: Kirchner war sowohl in Deutschland und den USA ­hervorragend vernetzt – und ebenso in der Schweiz. 1933 ­zeigte die Kunsthalle Bern eine große Ausstellung seiner Werke; die aktuelle Schau „Kirchner X Kirchner“ dort ­rekonstruiert diese Präsentation. Auch in Basel und Winter­thur war er mit Ausstellungen vertreten. Zudem inspirierte er Schweizer Kunstschaffende, etwa die Gruppe Rot-Blau, und wirkte als Lehrer für Künstler wie Albert Müller oder Paul Camenisch.

 

ARTMAPP: Welchen Stellenwert hat Kirchner heute international? Und in der Schweiz?

KB: Kirchner gehört zu den großen Konstanten der Moderne. International ist er eine starke Position des Expressionismus. Er ist auch eine wichtige Figur auf dem Kunstmarkt. Und ein wichtiger Künstler in der Schweiz.

 

ARTMAPP: Roman Norbert Ketterer hatte nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen, mit Kunstwerken zu handeln, die von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfolgt worden waren. Seit 1954 ver­waltete er den Nachlass Ernst Ludwig Kirchners. Daraus ist auch das seit 1979 aufgebaute Ernst ­Ludwig Kirchner Archiv entstanden, das der ­Galerie Henze Ketterer in Wichtrach angegliedert ist. Wie stark ist das Museum heute mit der Familie Ketterer-Henze verbunden?

KB: Der Nachlass wurde nach dem Tod von Roman Norbert Ketterer von seinen Kindern Ingeborg Henze-Ketterer und Günther Ketterer übernommen. Bis heute sind Mitglieder der Familie auch in der Trägerstiftung des Museums engagiert, etwa Günther Ketterer, der bis zu seinem Tod im November 2024 als Präsident amtierte.

 

ARTMAPP: Günther Ketterer war sehr aktiv in der Kunstszene, auch an seinem Wohnort in Bern. Wie präsent war er im Kirchner Museum Davos?

KB: Als Sohn des Gründers hatte er eine besondere Beziehung zum Museum. Sein Tod ist ein Riesenverlust. Er war ein unglaublich zugänglicher, nahbarer, interessierter Präsident.

 

ARTMAPP: Was bleibt Ihnen besonders in Erinnerung?

KB: Seine Menschlichkeit. Er verstand es, jedem das Gefühl zu geben, willkommen zu sein, und zeigte stets großes Inte­resse am Museum und am Team.

 

Das Interview führte ALICE HENKES.

 

 

kirchnermuseum.ch

 

 

Günther Ketterer –

Grüner Ökonom und Kunstförderer

 

Günther Ketterer war ein Macher mit dem Ziel, die Wirtschaft und das Wohnen zu demokratisieren, und hatte ein Herz für die Kunst. Als Treuhänder und ­Impulsgeber war er an zahlreichen Wohnbaugenossenschaften, u. a. visarte atelier bern, npg AG mit der ersten autofreien Siedlung der Schweiz, sowie bei der alternativen Bank aktiv. Günther Ketterer war ­Mitverwalter des Kirchner-­Nachlasses und Präsident der Stiftung des Kirchner Museums. Gemeinsam mit Carola Ertle ­Ketterer baute er eine bedeutende Sammlung zeitge­nössischer Schweizer Kunst mit dem Schwerpunkt Videokunst auf (ketterer-­ertle.ch), und sie prägten diese als Förderer:in weit über die Berner Kunstlandschaft ­hinaus. Bei der Umnutzung des ehemaligen Progym­nasiums PROGR in Bern, ein ­Zentrum für ­Ateliers und öffent­liche Räume, wirkten beide bei der politischen Umsetzung mit, Günther ­Ketterer dann als Stiftungsrat. Es ist ein her­vorragendes Beispiel für ­aktive Stadtbelebung. 2010 gründete er die ART-Nachlass­stiftung mit und den Kunstraum in ­Bümpliz Bern. Im November 2024 starb Günther ­Ketterer kurz vor ­seinem 75. Geburtstag.

 

Alexander Sury

 

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1/2026

 

 

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