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Interviews
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Barbara Steiner,
100 Jahre Bauhaus Dessau
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Carsten Probst sprach in Dessau mit Barbara Steiner, Direktorin und Vorständin der Stiftung Bauhaus Dessau, über das Jubiläumsprogramm und über das Erbe der Moderne im wiedervereinten Deutschland.
ARTMAPP: Frau Steiner, beim Weimarer Bauhaus-100-Jubiläum 2019 wurde viel über demokratisches Design geredet, über das Erbe der Moderne im wiedervereinten Deutschland – die ganz großen Themen. Zum 100-jährigen Jubiläum des Bauhauses Dessau wirkt alles völlig anders. Es geht um Ziegel und Beton, um Algen, Schutt und CO2 oder um Blech, Lamellen und Linsen. Sind Sie der großen Diskussionen über die Bedeutung des Bauhauses überdrüssig geworden?
Barbara Steiner: Ganz und gar nicht! Wenn Sie bei uns ins Programm schauen, sehen Sie, auch bei diesem Jubiläum geht es um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Erbe der Moderne und seiner Rezeption. Ausstellungen, Panels und Diskussionen befassen sich mit den substanziellen Fundamenten des Bauhauses Dessau. Dazu gehören die materiellen Grundlagen von Gestaltung. Diese sind ja ohnehin mit Vorkurs und Werkstätten in die DNA des Bauhauses eingeschrieben. Damals wie heute relevant sind etwa Fragen nach Rohstoffen, Infrastrukturen, Handelsbeziehungen, Produktionen und Produktionsbedingungen – alles aktuelle Themen. Materialfragen stehen im Jubiläum also im Zentrum. Das drückt sich auch in den Titeln aus. Hier orientieren wir uns an Hannes Meyer, der seinerzeit in seinem Text zum Neuen Bauen ähnliche Materialkaskaden bildete. Daraus haben wir spielerisch „Material-Dreiklänge“ gemacht. Das ehemalige Schulgebäude des Dessauer Bauhauses demonstriert das Bauen in Stahl, Glas und Beton – das waren jene Materialien, mit denen das Bauhaus sich damals als progressiv inszeniert hat. Im „Beton-Kapitel“ unserer Ausstellung erfährt man aber, dass das serielle Bauen damals gerade erst seinen Beginn nahm. Die fabrikmäßige Produktion von Betonfertigteilen gab es damals noch nicht. Es war noch sehr viel Handarbeit vor Ort. Dafür brauchte man Holzschalungen – Unmengen von Holz! Wenn Sie die Baustellenfotos von damals ansehen, dann könnte man meinen, da entsteht ein Holzbau! Dazu sehen Sie Hunderte Leute, die auf der Baustelle arbeiteten. Das entspricht wenig dem Eindruck eines industriell gefertigten Stahl-Glas-Beton-Baus. Dazu werden auch noch ziemlich viele Ziegel eingesetzt. Lehm und Holz, das war für Gropius die Vergangenheit – uns interessiert, die Geschichte des Bauhauses Dessau über das Material zu erzählen und in ein anderes Licht zu rücken.
ARTMAPP: Es gibt zwei Hauptausstellungen zum Jubiläum bei Ihnen: Einmal zu „Glas, Beton und Metall“ im sogenannten Werkstattflügel des Bauhaus-Hauptgebäudes in Dessau-Roßlau − und eine über „Algen, Schutt und CO2“ im ehemaligen Kaufhaus Zeeck im Stadtzentrum. So wie Sie das jetzt erzählen, wirkt es, als hätte der Neue Materialismus in die Deutung der Bauhaus-Geschichte Einzug gehalten.
BS: Mit Materialfragen verbindet jeder etwas – Materialien umgeben uns und sind mitunter sehr emotional aufgeladen. Sie sind auch nicht ideologiefrei. Sie sind stark mit gesellschaftspolitischen Fragen verwoben, erzählen von Aufbruch und Innovation. Sie sind mit regionalen Identitäten verbunden. Wir haben es aber eben genauso mit Landschaftszerstörung, schwindenden Ressourcen und kolonialen Verstrickungen zu tun. Unsere Ausstellung im ehemaligen Kaufhaus Zeeck ist das Gegenwarts-Pendant zu jener im Bauhausgebäude, die bei der Historie ansetzt. Selbst die digitale Welt ist ja materieller, als manche meinen. Es geht um Ökologie und Ökonomie, um die sozialen Bedingungen von Arbeit und genauso wesentlich um kulturelle Fragen. Und natürlich interessieren uns auch künstlerische Perspektiven sehr. So hat etwa Antje Schiffers Rohstoffgebiete und Produktionsorte wie Ziegeleien, Stahl-, Glas- und Zementfabriken besucht, auf den Spuren der Materialien der Moderne. Das sind zugleich Erkundungsreisen in die Industriegeschichte Ostdeutschlands. Die Ausstellung ist nicht zuletzt deshalb beliebt, weil viele Besucherinnen und Besucher eigene Erinnerungen mitbringen, positive und nicht so positive Erfahrungen und Erlebnisse, was die großen gesellschaftlichen Transformationen im Land anbelangt. Die Ausstellung ist politisch, aber sie nimmt ihren Ausgang bei den Wahrnehmungen der Menschen, nicht über akademische Diskurse.
ARTMAPP: Auch das Bauhaus Dessau als Zentrum für Gestaltung ist ja eigentlich eine Wiedergründung aus der Zeit der DDR. Aber die Geschichte des Bauhauses in der DDR spielt bei diesem Jubiläum scheinbar keine größere Rolle?
BS: Gegen Ende unseres Jubiläumsprogramms wird es im Dezember ein Festival dazu geben. Das Bauhausgebäude tritt bei unserem Jubiläum sozusagen zweimal auf: Als 1926 eröffneter Bau – und dann, als es 1976 zu DDR-Zeiten nach seinen Kriegszerstörungen und Überformungen wieder sein einstiges Erscheinungsbild bekam. Das Thema ist also schon ein Teil des Jubiläums. Richtig ist, dass das Bauhaus in der DDR bislang nicht so stark öffentlich wahrnehmbar war, das werden wir in den nächsten Jahren ändern. Mit dem Festival Ende des Jahres leiten wir eine neue Phase ein, die sich dem Bauhaus in der DDR widmet. Wir sind dazu etwa im Gespräch mit der Weißensee Kunsthochschule Berlin, wo das Bauhaus-Erbe zu DDR-Zeiten ja sehr präsent war. Uns interessiert neben den Verbindungen zu Weimar auch jene Achse Berlin−Dessau, die noch ein fast blinder Fleck in der Forschung ist. Uns interessiert außerdem, wie das DDR-Erbe des Bauhauses dann in die Zeit nach 1990 einmündete, fortwirkte, aber erneut um- und überschrieben wurde. Die anstehende Sanierung des Werkstattflügels im Bauhausgebäude spielt da ebenfalls hinein, denn dieser stammt aus der DDR.
ARTMAPP: Im Herbst 2025 hat die Landtagsfraktion der AfD in Sachsen-Anhalt ja noch die Abschaffung des Bauhauses Dessau beantragt, was bundesweit in der Presse für einen großen Aufschrei gesorgt hat. Sie haben dagegen immer betont, dass Sie mit AfD-Vertretern persönlich durchaus im Kontakt stehen. Wie sieht das im Jubiläumsjahr aus, in dem ja in Sachsen-Anhalt gewählt wird?
BS: Ich möchte nicht, dass wir uns als Stiftung Bauhaus Dessau an der unqualifizierten Modernekritik der AfD abarbeiten. Im Herbst wollten Medien mit uns nur noch über die AfD reden. Über die politischen Ziele der AfD kann und muss natürlich geredet werden. Doch der Angriff aufs Bauhaus unter dem – im Übrigen nationalsozialistischen − Wortlaut „Irrweg der Moderne“ macht deutlich, dass es nicht um eine konstruktive Auseinandersetzung, sondern um politisches Kleingeld geht. Interessant ist, dass zwei Landtagsabgeordnete und ein Stadtrat von der AfD regelmäßig zu unseren Veranstaltungen kommen. Natürlich spreche ich dann auch mit ihnen. Doch wenn behauptet wird, das Bauhaus Dessau habe eine völlig unkritische Haltung zur Moderne, macht es für beide Seiten keinen Sinn. Denn wenn sich etwas als „roter Faden“ am Bauhaus Dessau seit der Wiedereröffnung 1976 durchzieht, dann ist es die kritische Auseinandersetzung mit dem Erbe der Moderne. Deren Fortschrittsversprechen wurden ja bereits in der DDR der 1980er-Jahre sehr brüchig.
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3/2026