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Carl Grossberg

 

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Wuppertal ist in diesem Frühjahr Schauplatz zweier besonderer Ausstellungs­ereignisse: Der Präsentation von vierzehn Skulpturen von Rebecca Horn im Skulpturenpark Waldfrieden, kuratiert von Tony Cragg – und der ersten großen Überblicksschau seit dreißig Jahren zum Werk des „Maschinenmalers“ Carl ­Grossberg, eines der bedeutendsten Vertreter der Neuen Sachlichkeit, im
Von-der-Heydt-Museum. Beide Ausstellungen bilden einen höchst spannungsreichen Dialog zum Verständnis von Mensch, Maschine und Kunst zwischen Weimarer Republik und dem Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert.

Retrospektive im Von-der Heydt-Museum Wuppertal

Carl Grossberg

Die große Retrospektive zum Werk Carl Grossbergs im ­Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum gehört zu den ­Höhepunkten des ersten Ausstellungshalbjahres in Nordrhein-Westfalen. Noch immer ist die Malerei des 1894 in Elberfeld geborenen und mit nur 46 Jahren als Soldat im ­Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommenen Künstlers viel weniger bekannt als das seiner Altersgenossen Christian Schad, Otto Dix oder George Grosz. Die letzte große Überblicksschau zu Grossberg reiste vor mehr als 30 Jahren durch deutsche Museen.

 

Sein Hauptwerk mit zahlreichen Motiven von menschenleeren Industrielandschaften, Maschinen und maschinengefertigten Produkten wirkt auf den ersten Blick rätselhaft, gilt als unterkühlt und „steril“. Doch es gehört zu den tiefgründigsten künstlerischen Interpretationen der Industrialisierung und der europäischen Moderne in seiner Zeit. Grossbergs Werkgruppe der von ihm sogenannten „Traumbilder“, die in den 1920er-Jahren entsteht, deutet schon durch ihre Benennung an, dass es um mehr geht als um bloße Industriemalerei, wie sie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in wachsendem Ausmaß die Veränderungen von Landschaften und Städten adaptierte. In den „Traumbildern“ kombinierte Grossberg Maschinen- mit Tiermotiven: etwa in einem seiner bekanntesten Gemälde „Dampfkessel mit Fledermaus“ von 1928. Die Räume, die er hier darstellt, wirken keineswegs wie Fabrik-, eher wie Museumsumgebungen; das Setting ist ­kontemplativ, keine Studie der zeitgenössischen Arbeitswelt wie etwa in Adolph von Menzels „Eisenwalzwerk“ (1872−1875). Der Dampfkessel Grossbergs wirkt wie die ­Entwurfsskizze für ein solitäres, defunktionalisiertes Ausstellungsstück vor einer großen Fensterfront, durch die im Hintergrund eine plane, grüne Landschaft angedeutet ist. Der Modellcharakter des Bildaufbaus wird durch die Fledermaus (eigentlich sind es zwei) noch erhöht, die wie ein Bildzitat aus einem zoo­logischen Bildband und von Albrecht Dürers ­Kupferstich „Melencolia I“ von 1514 auf die Bildoberfläche aufgebracht wirkt.

 

Offensichtlich faszinierten Grossberg also weniger die rationalen, ökonomischen oder ingenieurtechnischen
As­pekte der Maschinenkonstruktionen, sondern buchstäblich das „Mindset“, das sie verkörpern. Herausgelöst aus ihrer funk­tionalen Ordnung, gleichen die Maschinenräume seiner „Traumbilder“ selbst Bildern oder Kunstwerken. Grossberg deutet sie als Produkte ästhetischen Bewusstseins, in denen sich menschliches Selbst- und Wirklichkeitsbewusstsein ­zugleich spiegeln. Der in Grossbergs Werk vor allem seit den 1920er-Jahren immer wiederkehrende Dürer-Bezug ­ver­deutlicht, dass er die Industrialisierung und ihre Ma­schinentopografien ­philosophisch in die direkte Folge der humanistischen ­Wissenschaftsästhetik setzt, die ihn dazu ­ermächtigt, die göttliche Schöpfung durch eigene „Kunst“ fortzuent­wickeln. Maschinen und Industrielandschaften sind dadurch vor allem menschengemachte Natur und ­Ausdruck humaner Selbsterkenntnis.

 

Seit den frühen 1930er-Jahren verzichtete Grossberg in seinen Malereien auf alle Traumattribute. Das „Schwungrad“, die „Ölraffinerie“, die „Papiermaschine“ oder die „Jacquard-­Weberei“ (alle zwischen 1933 und 1934 entstanden) und die vielen anderen Maschineneinheiten sind nun unmittelbare Externalisierungen des menschlichen Bewusstseins und ­stehen als solche für sich selbst. Sie sind so autonom wie die Kunst, die ihren Bildcharakter spiegelt und verdoppelt, und dadurch sind die Maschinen und Fabriken selbst Ausdruck des modernen Menschen schlechthin.

 

Grossberg verherrlicht die Industrie nicht, wie oft vermutet wird. Nachdem er den Ersten Weltkrieg als Offizier erlebt hatte und verwundet worden war, hatte er ein klar gebrochenes Verhältnis zu jeder Maschineneuphorie. Und trotz zahlreicher Ausstellungen während der NS-Zeit kann er gleichwohl nicht als Adept nationalsozialistischer Automatisierungsästhetik gelten. Das Faszinosum der Maschine und der Industrie blieb für ihn, dass sie ein Ideal der menschlichen Selbstverwirklichung verkörperten.

 

Die Ausstellung im Von-der-Heydt-Museum in ­Grossbergs Heimatstadt Wuppertal dokumentiert seinen künstlerischen Weg auch durch eine ausgiebige Würdigung seines Frühwerks, insbesondere der frühen Entwurfs­zeichnungen aus Grossbergs Bauhaus-Zeit unter seinem Lehrer Lyonel Feininger. Dazu gesellen sich Motive der zeit­genössischen Industriefotografie, etwa von Peter ­Keetman oder Albert Renger-Patzsch bis zu August Sanders von hohem ­humanistischem Rationalisierungsdrang geprägten Porträts von Menschen, die sich im weitesten Sinn der modernen Arbeitswelt zuordnen lassen. Die Gegenüberstellung mit dem Werk Carl Grossbergs setzt diese Zeitzeugnisse in eine neue Perspektive, als Spiegelungen einer bildhaften Zurichtung der Welt, die ihrem Selbstverständnis nach gar nichts anderes sein konnte als „absolut“.

 

Carsten Probst

 

Bis 30. August 2026

Carl Grossberg

Sachlich – magisch – visionär

www.von-der-heydt-museum.de

 

Das Von-der-Heydt-Museum realisiert die Ausstellung in Kooperation mit dem Museum im Kulturspeicher Würzburg MiK (26. September 2026 bis 17. Januar 2027). Beide Museen sind eng mit der Biografie des Künstlers verbunden.

Er wurde in Elberfeld-Wuppertal geboren und lebte ab 1921 in Sommerhausen bei Würzburg. Grossberg ist in den Sammlungen beider Häuser gut vertreten.

 

 

14. März bis 13. August 2026

Rebecca Horn

Emotion in Motion

www.skulpturenpark-waldfrieden.de

 

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3/2026

 

 

 

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